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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 261

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Kritische Bemerkungen zur Rassenhygiene
Date
1928-08-01
Page
261 (sequence 7)
Language
German
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Kritische Bemerkungen zur Rassenhygiene Wie kläglich ist in Wirklichkeit der psychologische Gehalt der heutigen Rassenhygiene! Eine mit sozialen Vorurteilen getränkte Popularpsychologie ersetzt das unmögliche wissenschaftliche Fundament. Wer die rassenhygienische Literatur kennt, der weiß, daß die Gesetze, welche die positive Auslese innerhalb der Staates fördern sollen, einerseits den sozial Höhergestellten (Schallmayer, Ammon, Ziegler, Siemens), andererseits den Menschen nordischer Rasse (Lenz) zugute kommen sollen. So zeigen beigefügte Figuren ohne besondere Erklärung, wie im Geist einiger Rassenhygieniker Begabung und Einkommen einander entsprechen sollen (Fig. i u. 2, S. 263). Jeder Unvoreingenommene gibt aber Tomor recht, daß die besondere Befähigung zum sozialen Aufstieg nur eine unter den beinahe unbegrenzt vielen anderen Talenten ist, die in dem Kulturprozeß der Menschheit eine Rolle spielt. Die Geschichte der Wissenschaften und Künste, aber auch die alltägliche Erfahrung lehrt, daß die ausgesprochenen Talente der verschiedensten Richtungen sich durchaus nicht mit einem besonderen Talente des sozialen Vorwärtskommens verbinden. Ja, es wäre für die Entwicklung von abertausend eigentümlichen Talenten eine Gefahr, wenn sie mit einem zu sehr ausgesprochenen Talent des sozialen Emporkommens verbunden wären. Weitergehend ist es sogar fraglich, ob die edelsten und gewaltigsten Talente unseres Geschlechtes nicht gerade diejenigen sind, die sich nur mit einem mäßigen Talent zum sozialen Emporkommen verbinden können. Wie man aber auch hierüber denken möge, so viel steht außer Zweifel, daß es nur eine Talentgruppe gibt, in der die Energie die führende Rolle spielt und daß es außerdem noch ungezählte Talentgruppen oder Qualitätskombinationen gibt, bei denen das soziale Aufkommen nur eine sekundäre Bedeutung hat Und gerade diese letzteren, höchst mannigfachen Talentgruppen zeichnen sich oft dadurch aus, daß sie nur mäßigen materiellen Aufstieg anstreben und zugleich die. fruchtbarste Tätigkeit für das Gemeinwohl entfalten. Sie scheinen uns die Kerntruppen des menschlichen Fortschritts. Für den Rassenhygieniker sind Talent und Strebertum identische Begriffe. In Wirklichkeit aber fällt der soziale Prozeß des Emporkommens durchaus nicht mit einem Aufsteigen der menschlichen Talente und mit einer Talentverarmung der unteren Schichten zusammen. Das Drängen der Individuen nach oben und der Drang der Talente, Nützliches und Schönes zu leisten, sind zwei grundverschiedene soziale Prozesse, und wer diese beiden miteinander verwechselt, der verkennt völlig sowohl die Natur 18* 261

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