Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Kritische Bemerkungen zur Rassenhygiene
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 259 (sequence 5)
- Language
- German
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Kritische Bemerkungen zur Rassenhygiene über anknüpfen, so müssen wir doch betonen, daß diese Feststellung durchaus nicht notwendigerweise ein Einwand gegen die Rassenhygiene zu sein brauchte. Die Rassenhygiene ist, soweit sie wissenschaftlichen Charakter trägt, eine biologisch-medizinische Wissenschaft mit einem Problemkreis, jenseits dessen sich erst Kulturgesetze und -inhalte befinden. Wer macht z. B. dem Arzt einen Vorwurf, weil er sich nur um die Heilung des kranken Körpers seines Patienten kümmert? Aber die Rassenhygiene ist ein Kind des Zeitalters, in der sich das naturwissenschaftliche Denken die unumschränkte Herrschaft auch im Bereiche des Geistes anmaßte. Die Rassenhygiene verkennt die eigenartige Stellung der Ideen im kulturellen Leben eines Volkes, ihr selbständiges, fast körperlich fühlbares Sein und Wachsen und überschreitet darum den Bereich ihrer Zuständigkeit. Wie anders wären sonst enthusiastische Äußerungen verständlich, wie die des überaus gewissenhaften deutschen Rassenhygienikers Schallmayer, daß es „einen verheißungsvolleren und zuverlässigeren Weg zum Glück der künftigen Menschheit kaum geben kann, als den, welchen die rassendienstliche Ethik weist"; oder die Äußerung Galtons, des Begründers der Eugenik, die Rassenhygiene müsse „die Weihe einer nationalen Religion" erhalten. Ja Tille glaubt erklären zu müssen: „dem Mann, dem es gelingt, die Normen und die Formel zu finden, welche die Massen hinreißt und für das neue Ideal begeistert, das die Entwicklungslehre aufgezeigt hat, wird die Geschichte des geistigen Lebens, die Geschichte der Sittlichkeit, seinen Platz neben Moses, Buddha und Jesus anweisen". Solche Urteile beruhen sichtlich auf einer Verkennung der geistigen und ideellen Bedürfnisse des Menschen, der sich nie damit begnügen. wird, den letzten Sinn seines Lebens darin zu sehen, „die Lebensfähigkeit der Nation auf die Dauer zu sichern", wie Schallmayer im wertphilosophischen Teil seines Werkes „Vererbung und Auslese" (4- Aufl. 1920) sagt Aber auch dann, wenn wir uns über diese Kompetenzüberschreitung der Rassenhygiene hinwegsetzen und sie als eine Naturwissenschaft betrachten, die sich bemüht, Wege zur Gesundung und Gesunderhaltung des Volkskörpers zu finden, können wir eine ungetrübte wissenschaftliche Freude an der heutigen sozialen Rassenhygiene nicht haben. Wir bestreiten den wissenschaftlichen Charakter der Rassenhygiene durch die Feststellung der einen Tatsache, daß die Werturteile, die in ihr enthalten sind und auf die sich ihre Forderungen gründen, nicht wissenschaftlich begründet sind, sondern subjektiven Auffassungen der betreffenden 18 259