Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Kritische Bemerkungen zur Rassenhygiene
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 257 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898959--02877-2899043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Kritische Bemerkungen zur Rassenhygiene weit zu gehen, wenn sie nach Gesetzen verlangt, welche den Austausch von Gesundheitszeugnissen vor der Ehe zur Pflicht machen oder die Zwangsinternierung bezw. Sterilisierung sozial Unbrauchbarer und ähnliche Maßnahmen verfügen; und zwar nicht nur deshalb, weil die Macht der öffent-* liehen Meinung, wenn ihr erst die Wahrheiten der Rassenhygiene klar geworden sind, durchaus die gesetzliche Regelung überflüssig machen kann; sondern auch aus dem einfachen Grund, weil eben die Beziehung zweier Menschen nicht nur vom „Zuchtstandpunkt" aus betrachtet werden darf. Einer unserer schwäbischen Dichter, Heinrich Lilienfein, hat in einer Erzählung, die den Titel „Die Kraft der Schwachheit" trägt, die Grenzen der hygienischen Betrachtungsweise aufs deutlichste bestimmt: Der kurzen Ehe eines Mannes mit einer vor der Verheiratung bereits schwer tuberkulösen Frau entspringen eine Fülle seelischer Werte, welche den Gedanken, daß das kurze Glück gesundheitlichen Rücksichten hätte geopfert werden sollen, als Sinnlosigkeit erscheinen lassen. — Mit dieser Bemerkung haben wir nun erstmals den Grundfehler der Rassenhygiene berührt, dem die meisten ihrer Übertreibungen entspringen: Es ist ihre geradezu naive Verständnislosigkeit gegenüber seelischen und geistigen Werten. — Alles lebendige Sein mit den Erscheinungen des Fortschritts und Unterganges sollte sich nach Darwin erklären lassen aus dem blinden Kampf ums Dasein, in dem die Tiere und Pflanzen unter sich und mit der unbelebten Natur stehen. Es war für die damalige Zeit, in der alle an die Alimacht der Naturzüchtung glaubten, selbstverständlich, daß man auch das menschliche Leben, insbesondere die Entwicklung von Volk und Staat vom darwinistischen Gesichtspunkte aus betrachtete. Man tat es und fand das Resultat dieser Betrachtungen in einer Hinsicht überaus betrübend. Die statistischen Untersuchungen hatten nämlich ergeben, daß die Auslese innerhalb der Kulturstaaten dadurch ungünstig verläuft, daß die Vermehrung der einzelnen Klassen innerhalb eines Volkes ungleich ist und zwar so, daß die sozial Höhergestellten einen zahlenmäßig geringeren Nachwuchs haben als die unteren Schichten; was bedeutet, daß jene, die der Rassenhygieniker ohne weiteres auch für die erblich Begnadeten hält, allmählich aussterben, während die untaugliche Masse zurückbleibt, außerstande, den Staat zu erhalten. Wie sich die Verhältnisse dem Rassenhygieniker darstellen, läßt sich am besten zeigen, wenn wir einige Stellen aus dem Buche von H. W. Siemens: „Die biologischen Grundlagen der Rassenhygiene und der Bevölkerungspolitik" (1917) anführen. Er sagt: 257