Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 249 (sequence 11)
- Language
- German
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Der Arbeiter bekommen hat? Wenn aber ausgemacht ist, daß von gewissen Geschäften ihm allein der Gewinn zufließe, soll er es dann so einrichten, daß solche Ger Schäfte möglichst wenig oder gar nicht zustande kommen? Man könnte hier das erste Beispiel des Kampfes zwischen Kapital und Arbeit finden und in Jakobs Maßregel eine ingeniöse Auskunft, neues, aber dem Arbeiter gehörendes und für ihn fortzeugendes Kapitel hervorzubringen. Kennt man ferner die Künste der modernen Bilanztechnik und die Geschicklichkeit mancher sehr patriotischer, sehr frommer Leute, unter Wahrung des Gesetzesbuchstabens möglichst wenig Steuern für den Staat auszurechnen, so ist Jakob nach der landläufigen Moral gewiß nicht schwer zu rechtfertigen. Einen anderen Gesichtspunkt macht die volkskundliche, mit der „Antike" und dem „Naiven" arbeitende Betrachtungsweise geltend, die wir bereits kennen gelernt haben. Es soll ein Bauernschwank sein. „»Wir« freilich nennen das Betrügerei, aber die Erzähler sind weniger feinfühlig als ein moderner Christ. Die Antike denkt anders. Daß Jakob so außerordentlich schlau verfahren ist und den Laban so gründlich geschoren hat, darüber sind Erzähler und Hörer voller Entzücken." Ja, als berichtet wird, daß Jakob die Stäbe nur bei den kräftigen Tieren, nicht bei den schwächlichen hingestellt habe, da „jauchzen die Zuhörer vor Vergnügen". Zunächst ereifert man sich unnötig für Laban. An ihm wäre es doch zuerst, sich über den Betrug zu beklagen, und er ist gewiß der Letzte, sich ihn gefallen zu lassen. Aber in der scharfen Auseinandersetzung, die sie zum Schluß haben und in der keiner ein Blatt vor den Mund nimmt, läßt er nichts darüber verlauten. Er erhebt auch keinen Widerspruch, als Jakob sich seiner Treue und Gewissenhaftigkeit während der ganzen zwanzig Jahre rühmt. Der „Kunstgriff" kann ihm nicht verborgen geblieben sein, da ihn Jakob in aller Öffentlichkeit anwandte, auch mußte er ihm als altem Viehzüchter ebensogut bekannt sein. Aber mit diesem Kunstgriff selbst steht es schlecht. Der Glaube an ein Versehen der Mutter und die Einwirkung auf Gestalt und Aussehen der Leibesfrucht ist zwar schon im Altertum verbreitet gewesen und noch heute populär, aber selbst wenn die Wissenschaft ihn nicht bestreiten würde, ist es unmöglich, daß Jakob sich darauf verlassen habe. Die Erscheinung selbst zugegeben, ist sie viel zu selten (vielleicht unter Millionen kaum Ein Mal), als daß sie zu einem erfolgreichen Prinzip der Züchtung gemacht werden könnte, wie sich denn wohl auch kein Züchter darauf einläßt. Schon ein alter jüdischer Erklärer bemerkt: wer das nicht glaubt, der mache doch einmal die Probe und stelle weiße Stäbe in die Tränkrinnen, um lauter weiße Schafe zu 249