Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 246 (sequence 8)
- Language
- German
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B. Jacob sieben Jahre zu dienen. Das ist die Strafe für den Betrug, den er einst selbst verübt hat. Wie er selbst sich verhüllt hatte, um sich dem. Vater als der ältere vorzutäuschen, so wird er durch den Schleier getäuscht, die ältere Schwester für die jüngere zu nehmen. Daß dies unzweifelhaft die Meinung der Schrift ist, ersieht man daraus, daß nur an diesen beiden Stellen — um sie zu verbinden — das verdammende Wort fällt: Dein Bruder, sagt der Vater zu Esau, ist mit Betrug gekommen; und jetzt sagt Jakob zu Laban: warum hast du mich betrogen! So spricht er sich selbst das Urteil, daß ihm lediglich mit Gleichem vergolten werde. Und welch eine Buße, nach sieben Jahren gewisser Erwartung sich um den Preis gebracht zu sehen und sie nochmals von vorne beginnen zu müssen! Die ersten waren süß und flogen pfeilgeschwind, wie bitter müssen diese zweiten gewesen, wie langsam muß jeder Tag hingeschlichen sein. 3. Von diesen beiden Frauen, Lea und Bahel, und ihren Mägden, Silpa und Bilha, wird die Schar der Söhne geboren, aus denen sich die zwölf Stämme Israels verzweigen. Wir stehen also hier an ihrer Wiege und begreifen das liebevolle Interesse des Verfassers, der selbst ein Sohn dieses Volkes war. So hat er sich gewiß auch an dem Ebenmaß erfreut: Lea hat sechs Söhne — Rüben, Simon, Levi, Juda, Isaschar und Sebulon; ihre Magd Silpa zwei — Gad und Asser; Rahel zwei — Josef und (den spätergeborenen) Benjamin; ihre Magd Bilha zwei — Dan und Naftali. Also Lea mit ihrer Magd doppelt soviel wie Rahel mit der ihrigen, die Herrinnen doppelt soviel wie die Mägde. Es ist nun eine alte Frage, wie Jakob gleichzeitig zwei Schwestern zu Frauen haben konnte, was doch das mosaische Gesetz verbietet. Man meint, daß das Verbot für die Patriarchenzeit noch keine Geltung haben sollte. Sehen wir aber genauer zu, dann erkennen wir, daß gerade dieser Konflikt und der Streit der Schwestern für die Erzählung sehr wesentlich ist. Sie soll ein Seitenstück zu dem Vatersegen sein. Dort kämpfen zwei Brüder um den Segen des Vaters, hier zwei Schwestern um den Besitz und die Liebe des Mannes. Hier wie dort ist der ältere Part im formellen Recht: Esau als der Erstgeborene, Lea als das gesetzmäßige Eheweib, aber beidemale der jüngere in einem höheren Recht: Jakob als der würdigere Erbe der Verheißungen, Rahel als die von Anfang an Geliebte. Sollte Lea, die schuldlos Ungeliebte, verstoßen werden, Jakob um Rahel dauernd betrogen sein? Darum geschieht dem Recht Genüge, aber auch dem Herzen. Nur das ist Strafe und Prüfung Jakobs, daß die Liebenden 246