Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 244 (sequence 6)
- Language
- German
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B. Jacob auch etwas leisten könnte: „bist du denn mein Bruder (oder: du bist ja doch mein Bruder), sollteste du mir umsonst dienen? (was er freilich am liebsten sähe). Sage mir, was soll dein Lohn sein?" Worauf Jakob entgegnet: „Ich will dir sieben Jahre dienen um Rahel, deine Tochter, die jüngere." t)iese Antwort muß recht verstanden werden. In der Dichtung aller Völker und Zeiten, in Sage, Märchen, Epos, Drama und Roman ist ein beliebtes Motiv: die Prüfung des Freiers, der etwas Außerordentliches vollbringen muß, um als Belohnung die Braut heimzuführen. Einige Beispiele finden wir auch in der biblischen Geschichte. Das Stammhaupt Kaleb verkündet: Wer Kirjat Sepher einnimmt, dem gebe ich meine Tochter zur Frau. Saul hat ausrufenlassen: Wer den Goliath besiegt, der soll mit Reichtümern überhäuft werden und meine Tochter zur Frau haben. Und ein andermal verspricht er David seine Tochter Michal, die sich in den jugendlichen Helden verliebt hat, wenn er ihm hundert „Skalpe" von den feindlichen Philistern bringe und David bringt gar zweihundert! So atmet die Antwort Jakobs das jugendliche Feuer seiner Liebe, die Leidenschaft des Freiers für die Angebetete. Aber das ist nun bedeutsam, wozu er sich anheischig macht: nicht zu einem romantischen Wagestück, einer überspannten Heldentat, sondern einfach zu Arbeit, in sieben Jahre langem Dienst mit Hergabe seiner ganzen Kraft. Sieben ist die Zahl der Fülle und Ganzheit. Diese Leistung, zu der ihn seine Liebe entflammt, ist nüchterner und doch schwer genug. Jakob ist das Vorbild für das Heldentum der prosaischen Arbeit, deren Treue und Ausdauer von der stillen Glut der Hingabe an ein Ideal genährt werden, auf das sie unverrückt als ein Ziel hinblicken. Das ist tiefes Gefühl und verhaltene Poesie. Laban aber, der die Zuneigung der jungen Leute natürlich bemerkt hat, gibt dem Arglosen scheinbar seine Zustimmung, aber in zweideutigen Worten, die ihm den schon ausgedachten späteren Betrug frei lassen: „Es ist besser, ich gebe sie dir als einem Andern!" So tritt denn Jakob seinen Dienst als Hirt bei Laban an. Eine mehr anmutige als lebenswahre Schäferpoesie hat lange Zeit daran gewöhnt, sich das Leben und Treiben des Hirten als ein beständiges Idyll, als ein ursprüngliches, naturnahes und unbeschwertes Leben voll Unschuld, Heiterkeit und Frieden vorzustellen. Während die Lämmlein fromm zu seinen Füßen grasen, sitzt er auf dem Hügel und bläst auf selbstgefertigter Schalmei liebliche Weisen, lädt wohl auch seine Genossen zu einem poetischen Wettkampf, dichtet seine Schöne an und putzt sich zum Tanz, mit bunter Jacke, Band und 244