Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Einführungen in das erste Buch Mose
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 243 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Arbeiter hob seine Stimme und weinte, nachdem er ihr erzählt hatte, daß er ein Verwandter ihres Vaters, der Sohn Rebekkas sei. Wie lebendig, seelenvoll und natürlich ist auch diese Brunnenszene, die an jene frühere erinnert und doch mit großer Kunst gegen sie abgewandelt ist. Ergötzlich sind die blöden und mundfaulen Hirten, die am Brunnen warten: meine Brüder, woher seid ihr? — Aus Haran. Kennt ihr Laban, den Sohn Nahors? — Jo. Geht es ihm wohl? — Jo. Als wenn jedes Wort einen Taler kostet. Mit Rahel und den Schafen ihres Vaters umfaßt schon der erste Blick Jakobs, was sein Glück und seine Arbeit in den kommenden Jahren sein wird. Es ist feinbedacht, daß Rahel hier noch nicht geschildert wird, etwa wie Rebekka am Brunnen: eine Jungfrau gar schön von Aussehen, und wie es nachher bei der Werbung geschieht: Rahel aber war schön von Aussehen und schön von Gestalt. Denn noch ist es nicht die Schönheit des Mädchens, die ihn zu solchem Diensteifer entflammt und ein Kraftstück vollbringen laßt, sondern weil bei diesem Anblick alles ihn an die Heimat erinnert, an die geliebte Mutter. Das gibt ihm die Riesenkraft, das treibt ihm die Tränen in die Augen. Wie es für den Sohn einer edlen Mutter kein höheres Ideal gibt, als daß die Zukünftige Ihr gleiche, so wird sich Jakob in Rahel verliebt haben als in das Ebenbild seiner Mutter, die selbst der Mutter des Vaters würdig gewesen war. Einen reineren Quell kann die Liebe zum Weibe nicht haben. Ebendadurch aber wird er das Herz des Mädchens gewonnen haben, das dem starken Jüngling bewundernd zuschaute. Der moderne Erklärer belehrt uns: „Jakob erkennt die Situation sofort: er sieht, daß ihm hier gute Gelegenheit geboten ist, seinem Oheim eine Gefälligkeit zu erweisen und zu zeigen, wie wertvoll seine Arbeitskraft ist; und sofort ergreift er die Gelegenheit". — Aber wer wird denn immer gleich ans Geschäft denken! So kommt Jakob in das Haus Labans. In diesem Laban hat die Erzählung wieder ein Meisterstück der Charakterzeichnung geliefert. Er ist der Typus des selbstsüchtigen, habgierigen, ausbeuterischen, argwöhnischen, schlauen alten Bauern, heuchlerisch, von säuerlicher Freundlichkeit, mit Worten geizend, vorsichtig und vieldeutig nur in halben Sätzen redend, um sich nicht zu binden und den anderen in Vorteil zu setzen. Schon als er von Jakob die Veranlassung seiner Reise hört und sieht, daß er mit leeren Händen kommt, wird sein Gesicht länger. „Immerhin bist du ja mein Verwandter!" Nachdem aber die Ahstandsfrist vorüber ist, gibt er dem Besuch verblümt zu verstehen, daß er 17 243