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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 240

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Einführungen in das erste Buch Mose
Date
1928-08-01
Page
240 (sequence 2)
Language
German
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B. Jacob sollen, die so mannigfache Deutung erfahren haben. Sie sind die Schutzverheißung der Gottesrede in der anderen Form des Bildes und Gleichnisses, und ganz recht hat die alte jüdische Auslegung: die aufsteigenden Engel sind die Engel des Landes, von dem er scheidet, die niedersteigenden die Engel der Fremde, die jene ablösen. In dem Augenblick, da der Mensch die Grenze der Heimat überschreitet, nehmen die guten Geister Abschied, die ihn bisher umgeben haben. Alles, was uns beseelt und vertraut angeblickt hatte, Orte, Menschen, Dinge waren solche Engel. In der Fremde suchen wir sie vergebens, fremd und seelenlos die Straßen und Häuser, fremd die Menschen und ihre Laute, und ein Gefühl der Verlassenheit und Bangigkeit schnürt das Herz zusammen. Mit solchen Gedanken mochte sich Jakob niedergelegt haben. Da sagt ihm der Traum: nein, du wirst auch in der Fremde nicht verlassen sein. Hat jedes Land andere Gefahren, so gibt es auch für jedes andere Schutzengel, auch sie Boten von IHM da droben. So ist Jakobs Traumgesicht das Sinnbild der Vorsehung, des gegenwärtigen göttlichen Schutzes. Gott selbst thront in der Höhe, aber es gibt Stufen von ihm herab, zu ihm hinauf. Es ist die göttliche Herablassung und Fürsorge und die menschliche Sehnsucht und Bedürftigkeit, die die Leiter aufstellen. Es kann nicht genug bewundert werden, wie die Bibel es versteht, mit dem geringsten Aufwand, mit ganz wenig Strichen ein zauberhaftes, unverlöschliches Bild zu gestalten, voll hehrer Gedanken. Lehrreich ist eine Vergleichung mit dem zweiten Teil des Faust, bei dessen Eingang dem Dichter Jakobs Traum vorgeschwebt haben dürfte. Beide, Jakob und Faust, haben schwere Verschuldung hinter sich und sollen ein neues Leben beginnen, beide in einem Traum durch himmlische Geister dazu ermutigt werden. Dem Faust sollen die Elfen des Herzens grimmen Strauß besänftigen, entfernen des Vorwurfs glühend bittre Pfeile, sein Innres reinigen von erlebtem Graus und baden ihn im Tau aus Lethes Flut. Denn für Faust soll es keine Schuld, Reue und Wiedergutmachung geben. Er soll nur, ob er gleich vier Menschenleben auf dem Gewissen hat, durch einen Zauber vergessen. Jakob soll büßen und sühnen. Als der Schläfer erwacht, ist das Bild verschwunden. Und doch wird es ihn nicht mehr verlassen, es wird sein ganzes Leben erhellen und verklären. Das Leben wird erst lebenswert, wenn wir einmal eine Himmelsleiter gesehen haben und in Glaube und Hoffnung dafür leben, einen Traum zur Wirklichkeit zu machen. 240

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