Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 235 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin mehr oder weniger verfehlte Spekulationen über unwahrscheinliche Hypothesen, unfruchtbares Mitleid oder Quellen des Hasses. Und was ihn an der „Affäre" reizte, war eben, daß die Dreyfusianer aus diesem revolutionären Evangelium, das sie als unzweifelhaft ausgaben, ihre sehr zweifelhafte Intervention im wesentlichen ableiteten. Mit einem Wort, das humanitäre Prinzip schien ihm einen Akt des Glaubens vorauszusetzen, dem sich die Vernunft nicht mehr als jedem anderen unterordnen konnte. Welche Gewißheit blieb i'hrn nun? Keine, außer jenem unfaßbaren Erbe der Vergangenheit, das seine Spuren in seiner Geschmacksrichtung, seiner Art zu empfinden, seinen Nerven hinterlassen hatte, jenem undefinierbaren Etwas, demzufolge ein Franzose mehr Affinität zu einem Franzosen als zu einem Deutschen, ja als zu einem Schweizer oder Belgier empfindet. Da er sich auf kein Prinzip stützen konnte, nahm er seine Zuflucht zu einer Tradition, zu der nächstliegenden, deren Grundsätze seiner Natur am wenigsten entgegen waren, deren Frucht er selbst war und die er vorzog, weil es die seine war. Kurz, er machte sich jetzt von ganzem Herzen die Idee des Vaterlandes zu eigen, die er einst als engherzig und banal kritisiert hatte, und die ihm nun viel lebendiger erschien als die Idee der Humanität. Hiernach konnte man aus der geschichtlichen Vergangenheit Frankreichs seine zukünftige Größe mit Notwendigkeit erschließen, wenn man nur für die Gegenwart die gleichen Prinzipien zur Anwendung brachte, die ihre aufbauende Kraft schon in der Vergangenheit bewährt hatten. Da sich meinem Freund nun aus seinen tiefsten Instinkten eine ganze Welt neu erschlossen hatte, schlug er mir in seiner großen Güte vor, eine entsprechende Angleichung an die von meiner Rasse ererbten Traditionen anzustreben, um so die verlorene innere Harmonie wiederzufinden. Alles bewog mich, seinem Rat zu folgen: schon seit Beginn der Affäre Dreyfus wurde mir die jüdische Frage lebendig bewußt; jetzt aber wurde mir ihre Tragik klar: „Was ist das Judentum?" — Eine Gefahr, sagt man mir, für die Gesellschaft, der du angehörst. Was für eine Gefahr? ... Vor aljem aber, bin ich überhaupt noch Jude? Ich habe mich von der jüdischen Religion losgesagt. — Du bist trotzdem Jude. Wieso? Was soll ich tun? Soll ich mich töten, weil ich Jude bin? In manchen Augenblicken wünschte ich mir den engen und starken Glauben meiner Ahnen wieder. Sie wenigstens wußten, warum Verachtung und 235