Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 236 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898957--02854-2899022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Edmond Flog Haß sie in ihr Ghetto gepfercht hatten. Ich aber wußte nichts. Was tun, um zu wissen? Vom Judentum wußte ich nichts, nichts. Und mich reuten die Schuljahre, die ich über dem Studium der Philosophie, der Germanistik, der vergleichenden Literaturwissenschaft verbracht hatte. Ich hätte hebräisch lernen sollen, hätte meinem Stamm, seinem Ursprung, seinem Glauben, seiner Rolle in der Geschichte, seiner Stellung in der heutigen menschlichen Gesellschaft nachforschen sollen; hätte durch sie an etwas anknüpfen sollen, das ich selbst und mehr als ich selbst wäre, durch sie etwas fortsetzen, was andere begonnen hatten und andere, nach mir, fortsetzen würden. Und ich sagte mir: wenn du dein Leben anders verwenden, wenn du andere Studien treiben wirst, wenn du später eine Familie begründest, ohne deinen Kindern ein von deinen Vätern übernommenes Ideal zu hinterlassen, wirst du stets dumpfe Reue empfinden, das unbestimmte Bewußtsein einer nicht erfüllten Aufgabe haben. Und ich dachte an meinen toten Vater und machte mir zum Vorwurf, nichts von jener jüdischen Weisheit verstanden zu haben, von der er zu mir sprach und die in ihm lebte — und, aus meiner Schuld, zwischen Israels Vergangenheit und meiner verödeten Seele keinen Zusammenhang mehr zu finden. Um diese Zeit horte ich zum erstenmal vom Zionismus sprechen. Du kannst dir nicht vorstellen, mein Kind, welches Licht mir da wurde. Bedenke, daß ich während der ganzen Periode, von der ich hier zu dir spreche, das Wort Zionismus nie gehört hatte. Die Antisemiten beschuldigten die Juden, eine Nation innerhalb der Nation zu bilden; aber die Juden, wenigstens die Juden, die ich kannte, leugneten es. Und nun geschah es, daß Juden erklärten: „Wir sind ein Volk, wie ein anderes; auch wir haben ein Vaterland wie die anderen. Man gebe uns unser Vaterland zurück." Ich informierte mich: die zionistische Idee führte ihren Ursprung auf die alten Prophezeiungen zurück; die Bibel versprach den versprengten Juden die Rückkehr in das Heilige Land; sie hatten während des ganzen Mittelalters nur in ihrem Glauben an dieses Versprechen gelebt; im 18. und 19. Jahrhundert hatten hervorragende Geister, Moritz von Sachsen, der Prinz von Ligne, Napoleon, den philantropischen, politischen, ökonomischen, religiösen und moralischen Vorteil vorausgesehen, den eine jüdische Rückwanderung nach Palästina bieten könnte; seit 1873 waren Kolonien dort entstanden, die sich 236