Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 234 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898957--02852-2899020- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Edmond Fleg Greise, Kinder, die man nackt ins Feuer warf. Und ich wollte mich erheben und selbst zu schreien beginnen, ihr Martyrium der ganzen Welt entgegenschreien. Und als Dreyfus, von seiner Insel zurückgerufen und in Reimes vor seine Richter gestellt, zum zweiten Mal verurteilt wurde, stand mein Leben still. Ich konnte nichts mehr essen, ich fühlte mich aus der universalen Brüderlichkeit ausgestoßen. Und ich frug mich: „Jude, wo ist dein Platz in der Welt?" II. Die Freundschaft, die mich mit meinem lieben „Logiker" verband, hatte dem Sturm widerstanden. Sein Takt hatte sich stärker erwiesen als meine Empfindlichkeit. — Warum, sprach er zu mir, sollen wir uns entzweien, weil wir verschiedener Meinung sind? Können wir nicht versuchen, uns zu verstehen, wenn wir uns auch nicht überzeugen können? Unsere Gespräche werden keine Dialoge, sondern sich kreuzende Monologe sein; jeder von uns wird seine Getdanken äußern, ohne den anderen bekehren zu wollen. Das wird vielleicht eine höhere Art des Einverständnisses sein. Man hat Beispiele solcher Freundschaft erlebt. Und wirklich wich jede Befangenheit; unserer Meinungsverschiedenheit bewußt, wurden wir Freunde, die sich alles sagen konnten. Und in der Freude der neu aufgelebten Beziehung vertraute er mir seine neuen Ideen an, die mir in meiner Wirrnis zur Klarheit verhalfen. Er war, wie ich, von den heiteren Regionen herabgestiegen, in denen sich unsere Ahnungslosigkeit gefallen hatte und war zu der Feststellung gelangt, daß, wenn die Wissenschaft auch eitel, die ewige Wiederholung dieses Axioms noch eitler sei, und daß es, wenn wir über den Sinn des Lebens und der Moral keine Gewißheit erlangen können, ersprießlicher sei, eine selbst willkürliche Richtung festzuhalten, als sich den mehr oder weniger begründeten Launen unseres persönlichen Empfindens anzuvertrauen. Er wollte sich der Gesellschaft einordnen und bereitete sich darauf vor, ihren Forderungen zu genügen. Was war es nun, worauf ein so logischer Geist wie der seine sein Handeln gründen konnte? Der revolutionären Tradition wie jeder anderen fremd, war es ihm unmöglich gewesen, das von der Revolution verkündete Evangelium der Menschenrechte, auf dem die ganze Sozialphilosophie und die moderne Gesellschaftsordnung beruht, als erwiesene Wahrheit anzuerkennen. Nach der kritischen Auffassung von Comte, Taine, Renan, Barres konnte er in dieser Philosophie nichts anderes sehen als eine mystische Anbetung unbestimmter Wesenheiten 234