Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 233 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin Wesen; zum ersten Male handelte ich. Und ich stellte fest, daß die Handlung nicht nur den klaren und verstandesmäßig erklärbaren Ursachen entspringt, sondern einem mächtigen Antrieb, dessen Ursprung dunkel ist. Ich fühlte, daß ich die Dinge nur scheinbar nicht ernst genommen hatte, daß ich ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit hatte, daß die Illusionen der Menschheit, über die ich mich lustig gemacht hatte, auch die meinen waren; immer wird die Wirklichkeit mich zwingen, an jenen alten kindlichen und zugleich edlen Gedanken festzuhalten, die von vielen Dummköpfen nur so nachgeplappert werden. War mit diesem menschlichen ein jüdisches Solidaritätsgefühl verbunden, das mir das Drama, das ich miterlebte, noch schmerzlicher machte? Ich konnte nicht mehr daran zweifeln, ich war dessen sogar ganz sicher. Aber was lag mir daran? Ich konnte weder dem einen noch dem anderen Ruf widerstehen; beider Gebot war mir so unwiderstehlich auferlegt wie das meiner eigenen Natur. Und mein Freund schien mir so anders, so fern! Hatten wir uns nur deshalb so lange verstanden, weil ich mich selbst so lange nicht gekannt hatte? Hatte die Befangenheit, die mich ihm gegenüber oft befiel, eine Verschiedenheit angezeigt, die nichts überbrücken konnte? Galt es, aufzugeben, was uns geeint hatte? Verbannte sein freundschaftlicher Vorwurf, so zartfühlend er auch vorgebracht war, mich nicht zugleich aus seinem Land und aus seiner Freundschaft? Während ich diese traurigen Dinge erwog, wurde die „Affäre" zu einer personlichen Prüfung für mich. Ach, wohin war mein überlegener Egoismus entschwunden! Mit Aufregung erwartete ich die Zeitungen. Ich las sie, als ob das Schicksal dieses Mannes an mein eigenes, an das Schicksal meines ganzen Stammes gebunden wäre, den ich nach und nach als meinen eigenen entdeckte. Man hatte seine Briefe veröffentlicht. Unter der Unbeholfenheit der hochtrabenden Worte vernahm ich den Schrei der gemarterten Unschuld. Und dieser Schrei, der über die Meere zu mir drang, zitterte in mir nach und zerriß mir das Herz. Nachts in meinem Bett dachte ich an den Gefangenen. Ich sah ihn, allein auf seinem tropischen Felsen, von dem gehässigen Schweigen seiner Wächter umgeben. Auch er lag da, im Dunkel der Nacht, mit zwei eisernen Ringen an sein Strohlager geschmiedet. Und er schrie und schrie, der Gefesselle. Und sein Schrei erweckte andere Schreie, die ich vernommen hatte, jene des längst vergangenen Pogroms, von dem ich als Kind gehört hatte. Die vergessenen Bilder wurden wieder lebendig: entleibte Frauen, lebend begrabene 233