Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 232 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Edmond Fleg Wie konnte ein klarer und leidenschaftloser Geist solche Ungeheuerlichkeiten gutheißen und ernsthaft erwägen? Ich fand keine Antwort und konnte nicht davon lassen, sie dennoch zu suchen. Wie traurig war der Abend, an dem ich mir plötzlich darüber klar wurde, daß zwischen meinem Freund und mir eine Übereinstimmung unmöglich war, daß der wahre Grund unserer Uneinigkeit nicht die Tatsachen, nicht ihre Auslegung, nicht die Ideen waren, die wir mehr oder weniger präzis aus ihnen entwickelten, sondern eine Wirklichkeit, die uns entgangen war, und die doch älter war und wirklicher als wir selbst. Ich war nun selbst in die Kämpfe um Dreyfus verwickelt und hatte in den Zeitungen einen Protest zugunsten von Picquart unterzeichnet. Mein Freund hatte mir in seiner zartfühlend-herzlichen Weise zu verstehen gegeben, daß ich mich als Fremder oder Halbfremder dieser Kundgebung hätte enthalten sollen. Vom Standpunkt gesunder Logik aus hatte er Recht; trotzdem versuchte ich, ihn in einem Brief vom Gegenteil zu überzeugen. Nimm einmal an, so schrieb ich, daß alle Unterzeichneten die besten Gründe gehabt haben und daß diese Gründe auch die meinen sind. Habe ich mir, als ich unterzeichnete, ein Recht angemaßt, das ich nicht besitze? Gibt es ein französisches Gesetz, das ich verletze, indem ich meine Meinung, mein persönliches Gefühl, meine Angst und meine Empörung ausdrücke? Hier geht es nicht um eine politische, sondern um eine Angelegenheit des Rechts. Ich konstatiere einen Mißbrauch der Gewalt, eine Tyrannei in der nur scheinbaren Anwendung der Gesetze; die in Frankreich lebenden Ausländer sind dem ebenso ausgesetzt wie die Franzosen. Sie können ja gehen, wirst du sagen? Ja, wenn es die Gesetzgebung des Landes selbst wäre, die ihnen mißfiele; im Gegenteil, sie können bleiben und gegen eine Ungesetzlichkeit Protest erheben, die eine große Zahl von Franzosen ebensosehr in Bestürzung versetzt wie sie selbst. Da ich das Recht habe, zu protestieren, fügte ich hinzu, habe ich es mir auch zur Pflicht gemacht; ich hielt mich für verpflichtet, eine Meinung öffentlich auszusprechen, die ich vor meinen Kameraden nicht verborgen gehalten hatte. Nur zu gut kannte man die Absichten des Ministers, der unserer Anstalt feindlich war. Wenn ein Disziplinarverfahren gegen die Leute eingeleitet worden wäre, die den Protest unterzeichnet hatten, wäre es mir peinlich gewesen, davon ausgenommen zu sein. So argumentierte ich, nachdem es getan war; aber als ich unterzeichnete, hatte ich mir davon keine Rechenschaft abgelegt. Ich wurde zu einem sozialen 232