Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 231 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin winden können? Vielleicht hatte ich mich wirklich beruhigt und mit einem Achselzucken abgef unden, wenn mein „Logiker" mir in diesem Punkt nicht eine neue Überraschung bereitet hätte: ich mußte feststellen, daß er, ohne auf die Formen dieser Polemik einzugehen, von ihrer Haltlosigkeit doch nicht so überzeugt war wie ich. Gewiß, sein Denken war vielseitig, aber das war ein Zeichen seiner Wahrheitsliebe und verpflichtete mich zum Nachdenken. „Die Bezeichnung Antisemitismus", sagt er, „dient vielerlei Bestrebungen als Etikette. Am wenigsten ernst zu nehmen ist diejenige, die nur vom Katholizismus als Religion ausgeht; und man wird vieEeicht noch bei den Protestanten die entschiedensten konfessionellen Gegner der Israeliten finden. Die gangbarste unter diesen Bestrebungen geht ganz einfach auf die Plünderung der Begüterten aus: ein paar Dummköpfe und ein paar Schurken haben mit Unterstützung von ein paar verblendeten, allzu anstandigen Leuten die Menge zu überzeugen gewußt, daß alles Übel von den Juden kommt, ihnen gegenüber alles erlaubt sei, und wäre es Plünderung, wäre es Mord." „Aber", fügt er hinzu, „man muß auch das Gefühl eines Volkes verstehen, das sich von einer verschwindenden Minorität nahezu beherrscht sieht, von einem Stamm, den dieses Volk (aus Gründen, die heute gleichgültig sind), seit Jahrhunderten zu mißachten gewohnt ist." Daß es unter den Juden Idealisten, Utopisten, Mystiker gebe, für die die jüdischen Interessen bedeutungslos sind, gab er zu; aber er sah in diesen erlesenen Geistern nichts als verderbliche Ideologen, weil sie Luftschlösser bauten, während wir in der Wirklichkeit leben. Er gab auch zu, daß manche Juden, die begabter als der Durchschnitt der Menschen seien, in der Welt der Tatsachen bessere Dienste leisten, ja bei Gelegenheit sich als bessere Patrioten zeigen könnten. Aber nach seiner Ansicht nahmen zu viele Juden zu viele Stellen ein, da doch die erste Krise erwiesen hatte, daß ihr Solidaritätsgefühl stärker war als ihre nationale Gesinnung. Mein lieber „Logiker", der also den zur Verwaltung des Staates Auserlesenen Vertrauen schenken, in ihnen die Interessen, die Gefühle dieses Landes wiederfinden wollte, hätte es an sich nicht für unlogisch gehalten, wenn man den Juden, ohne sie gänzlich von jeder öffentlichen Funktion auszuschließen, nur so viel Einfluß im Staat eingeräumt hätte, als ihrer Zahl entsprach. Ich war starr. Die Juden waren es also, die Frankreich regierten? Es galt, erkämpfte und erworbene Rechte ihnen zu entreißen? Es war aus Solidarität, daß sie Dreyfus für unschuldig hielten? 23t