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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
230 (sequence 18)
Language
German
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Edmond Fleg und einen jüdischen Minister, Cremieux, mit einem staatlichen Begräbnis geehrt hatte. Seither hatte ein Buch, „Das jüdische Frankreich", das in giftigen Ausdrücken alles Unglück des Vaterlandes den Juden zuschrieb, viel Aufsehen gemacht; aber es war, so sagte man mir, ein gehässiges Pamphlet und daher in meinen Augen bedeutungslos. Ich war schon nach Paris übergesiedelt, als gewisse Zeitungen eine Skandalaffaire, die sogenannte Panama-Affaire, dann den ersten Dreyfus-Prozeß zum Anlaß nahmen, eine Campagne zu eröffnen, in der sie jene Behauptungen wieder vorbrachten. Aber kümmerte ich mich denn damals um Zeitungen? Ich lebte in einer inneren Welt, zu der die Stimmen der äußeren nicht drangen; solche Alltäglichkeiten schienen meinem von erhabeneren Schauspielen gefesselten Geist einer Betrachtung nicht wert zu sein. Warum hätte ich mich übrigens mit den Feinden des Judentums befassen sollen? Befaßte ich mich denn mit dem Judentum? Kümmerte man sich in meiner Umgebung darum? Machten meine Kameraden zwischen sich und mir einen Unterschied? Für sie wie für mich war der Jude nicht mehr vorhanden. Selbst in meiner Familie, die den alten Gebräuchen so anhing, lockerten sich diese nach und nach. Reibungslos, ohne Diskussion, ohne dramatischen Konflikt gaben die festgefügten Regeln unter dem bloßen Druck der äußeren Umstände von Jahr zu Jahr neuen Ausnahmen Raum. Wenn ich in den Ferien nach Genf zurückkehrte, stellte ich jedesmal einen Fortschritt in diesem Zersetzungsprozeß fest: die Feiertage wurden weniger streng eingehalten, die Zeremonien weniger regelmäßig wiederholt; sogar Schinken erschien auf dem Tisch, und zur großen Entrüstung Lisettens, unserer alten christlichen Köchin, die mich einst mein hebräisches Gebet aufsagen ließ und die nun als einzige die Verbote unangetastet wahrte, folgten Fleisch- und Milchgerichte einander in verkehrter Ordnung, ja, aus den zwei Geschirren war eines geworden. Wurde das Judentum selbst an diesem patriarchalischen Herd schon so schwach, so war dies ein Anzeichen, daß es bald überall absterben sollte, wie es in mir abgestorben war; es blieb nichts übrig, als es sterben zu lassen. Aber warum stieg dann meine Gereiztheit gegen den Antisemitismus von Tag zu Tag? Was hatte ich mit den Angegriffenen zu schaffen? Was ging es mich an, ob diese Angriffe gerechtfertigt waren oder nicht? Sollte wenigstens dieses Leiden nur vorübergehend sein? Oder sollte ich die Beschimpfungen der jeder Kritik unzugänglichen Pamphletisten nicht ver- 230

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