Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 229 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin und dem Komplott diente, das Frankreichs Entwaffnung und Auslieferung an seine Feinde zum Ziel hatte. Im übrigen war dies keine neue Erscheinung in der Geschichte der Völker. Wo der Jude hinkam, ließ er Ruinen zurück. Er hatte das römische Kaiserreich unterhöhlt und sich während der großen Invasionen mit den Barbaren verbündet. Er war schuld, daß das Spanien der Westgoten sich den Arabern ergab. Er war schuld, daß Poniatowskys Polenreich in Stücke fiel. Nachdem er im Mittelalter durch Wucher das gesamte Gold der Erde an sich gebracht hatte, hatte er es im Jahre 178g dazu verwendet, die nutzbringende Revolution zu finanzieren; da sie ihm die Maske des Bürgers anschminkte, ermöglichte sie ihm, in einem verkommenen Jahrhundert auf den besudelten Trümmern dahingeschwundener Ordnung seinem Traum korrupter Herrschaft nachzugehen. Da er gierig, sinnlich, diebisch war und ein Fälscher dazu, war er nach Wesen und Wahl ein Verräter; und wenn man nach einem Beweggrund für Dreyfus' Verbrechen suchen wollte, war die bloße Tatsache seines Judentums Erklärung für seinen Verrat. Diese Geschichtsphilosophie in Form von Schmähungen hätte mir nicht nahegehen sollen. Selbst bei Durchforschung der geheimsten Winkel meines Unterbewußtseins gelang es mir nicht, mich in diesem Bilde des Juden zu erkennen und ich war sicher, keinen verderblichen Plan zu hegen, der die Welt hätte beunruhigen können. Ich fühlte mich nicht getroffen, war aber irritiert. Diese Art von Antisemitismus war etwas Neues für mich. Als Kind hatte ich wohl von Pogromen in Rußland gehört, die nach einem £arenmord einsetzten: entleibte Frauen, lebendig begrabene Greise, Säuglinge, die man mit Petroleum begoß und ins Feuer warf; diese Bilder waren die Gespenster meiner Nächte gewesen, hatten sich aber dann verwischt. Man hatte auch oft in meiner Gegenwart von „Risches" gesprochen. Dieses dem hebräischen Jargon des Elsaß entnommene Wort bezeichnete den bösen Willen der Christen den Juden gegenüber. Aber ich hatte mehr als einmal konstatieren müssen, daß man gern diesem Gefühl Wirkungen zuschrieb, die aus anderen Ursachen erklärlich waren; und die Geschichte von den zwei jüdischen Gasthausbesuchern und dem Luftzug, die unser Rabbiner so schalkhaft erzählte, schien mir hierfür ein treffendes Symbol zu sein. Meine Mutter, die von Geburt Französin war, hatte mir oft gesagt, daß die Israeliten in Frankreich glücklicher wären als überall sonst, daß man das großmütige Volk lieben müsse, das ihnen als erstes das Bürgerrecht verliehen 16* 229