Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 228 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Edmond Fleg jedem neuen Zwischenfall der „Affäre" (kein Tag verging ohne einen solchen) diskutierten wir, suchten wir einander zu überzeugen. Es gelang uns nicht. Ich war verwirrt. Ich konnte weder an seiner Intelligenz, noch an seinem guten Glauben, noch an seinem Herzen zweifeln. Wie fügte es sich, daß er Irrtum sah, wo ich Wahrheit erblickte? War sein Vertrauen zu diesen Offizieren, das für einen kritischen Geist nur Durchgangstadium sein durfte, nicht unbewußt von dunklen Instinkten eingegeben? und ich selbst, konnte ich beschwören, daß nichts zwischen meinem Urteil und den Tatsachen stand, wenn ich mein Vertrauen anderen zuwandte? Was waren diese unbewußten Kräfte, die una einander zu widersprechen zwangen? Warum fürchtete ich sie, ohne sie nennen zu können? Sollten sie unsere schöne Freundschaft zerstören? Wir hatten Ursache, es zu befürchten, denn um uns herum sahen wir alte Beziehungen sich lösen. Du wirst vielleicht in deinem Lehrbuch der Geschichte die Darstellung der „Affaire" lesen. Von den Leidenschaften, die sie entfesselte, wirst du darin nichts erfahren. Die Vorlesungen an der Sorbonne lösten sich in Versammlungen auf, die gesellschaftlichen Veranstaltungen in den Salons endeten mit Handgemengen. Oft waren die Straßen bewacht; lange Cordons von Polizisten, ja von Soldaten drängten die Menge zurück, die bald Schurken, bald Helden verhöhnte und beschimpfte. Die Zwietracht zerstörte die Freuden des Familienlebens, zerstörte den Frieden selbst der schlichtesten Häuslichkeit. Ob man nun für oder gegen Dreyfus war, man war immer jemandes Feind, sei es des ältesten Freundes, sei es des Bruders oder Vaters. Denn unter dem Drama der Affaire spielte, anonym und uferlos, ein anderes Drama sich ab, das zwei Ideen der Gesellschaft, des Lebens und der Welt in Haß verstrickt hielt. Der sichtbarste Aspekt dieses unterirdischen Konflikts war der Kampf, der um das Judentum geführt wurde. Dreyfus war Jude und gewisse seiner Gegner machten alle Juden verantwortlich für sein Verbrechen und die Unruhen, die ihre Bemühungen, ihn reinzuwaschen, im Staat verursachten. Wäre seine Unschuld bewiesen worden, so wären die Juden schuldig durch ihr Bemühen, ihn zu retten: die Ehre eines Juden war nicht das Wohl einer Nation wert. Waren die an keine Religion gebundenen Denker, waren Christen, Katholiken, Priester sogar — man konnte solche nennen — unter seinen Parteigängern, so waren sie durch jüdisches Geld oder jüdischen Geist korrumpiert. Man sprach von einem ausgebreiteten Konsortium, dem „Syndikat des Verrats", das von dem jüdischen Vermögen der ganzen Welt finanziert wurde 228