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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 227

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
227 (sequence 15)
Language
German
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Warum ich Jude bin Die Ungesetzlichkeit, die mich empörte, schien mir an sich eine Revision des Prozesses zu rechtfertigen. Er antwortete, daß diese Ungesetzlichkeit höheren Interessen als denen der Verteidigung entspringen mochte, und daß nur entscheidendere Gründe die Revision unerläßlich machen würden. Man wußte, daß Dreyfus angesichts eines angeblich von seiner Hand geschriebenen Verzeichnisses (des berühmten „Bordereau") verurteilt worden war, das eine Aufzählung der Akten enthielt, die er an eine fremde Macht ausgeliefert haben sollte. Nun, das Bordereau wurde in der Presse faksimiliert veröffentlicht und es zeigte sich, daß die Schrift in sonderbarer Weise der Schrift eines anderen Offiziers, des Majors Esterhazy glich; viele Gelehrte behaupteten, daß die beiden Schriften identisch seien. Wie können sie das wissen, erwiderte der „Logiker", sie haben ja nur nach den Faksimiles gearbeitet. Es schien mir, als habe man niemals nach präzisen Beweggründen gesucht, um Dreyfus' Verbrechen ausreichend zu erklären. Esterhazy hingegen war ein Desperado und es waren Briefe von ihm bekannt, in denen er Frankreich ein neues Sedan wünschte. Esterhazy, gab mein Freund zurück, kann ein Bandit sein, aber deshalb muß Dreyfus nicht unschuldig sein. Und sind die betreffenden Briefe denn auch authentisch? Beschuldigte man den Oberst Picquart der Fälschung und der Benutzung von gefälschten Dokumenten, wenn er darauf hinwies, daß der Generalstab Esterhazy deckte, so enthielt diese Beschuldigung nichts Unwahrscheinliches; wenn aber bewiesen wurde, daß der Major Henry eine Fälschung begangen hatte, um die Revision zu verhindern, so wurde diese Fälschung zur patriotischen Tat eines treuen Soldaten, der in Kenntnis von Aktenstücken, die man nicht ohne Gefahr preisgeben konnte, keinen anderen Ausweg gehabt hatte, als ein gleichwertiges Dokument herzustellen. Was mir an diesen Einwendungen auffiel, war die Tatsache ihrer Unwiderlegbarkeit, wenn man nämlich ein stillschweigendes Vertrauensvotum für das Militärgericht und die Offiziere des Generalstabs als unausgesprochene Voraussetzungen gelten ließ. Dieses Vertrauen hatte bei meinem Freund nichts mit Aberglauben zu tun: es war, so sagte er, Vertrauen zu den einzigen Leuten, welche informiert waren. Er sah einerseits Fachleute, die wußten, andererseits Laien, die vermuteten; da gab es kein Schwanken für ihn. Ich schwankte zuerst lange, dann schwankte ich nicht mehr. Für mich waren jetzt jene die Wissenden, die für meinen „Logiker" die Laien waren. Bei 16 227

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