Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 226 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Edmoad Fleg ich auch von der Berührung mit Irdischem war, mußte ich doch bald für ihn von meinem Piedestal herabsteigen. Ich hatte einen intimen Freund, der nicht zu meinen Kollegen an der £cole Normale gehörte. Wir waren im Obergymnasium miteinander bekannt geworden und bald entstand eine Freundschaft, die noch heute andauert. Das tiefe Gefühl, das uns verband, gab unserer Beziehung ein rein geistiges Ansehen. Es war unsere Freude, einander zu verstehen, unseren Gedanken die gleiche Richtung zu geben. Ich setzte meinen Stolz darein, dieses Gesicht unserer Freundschaft zu wahren. Ich wollte sie ebensosehr von den gewissen gegenseitigen Gefälligkeiten freihalten, die mir wie die kleine Münze des Gefühls erschienen, als auch von der banalen Vertraulichkeit, die sich im Austausch von Geheimnissen äußert. In Wirklichkeit war die enge Gemeinschaft unserer Seelen durch eine Art von Befangenheit gestört. Die Affäre Dreyfus sollte mir ihre Ursache enthüllen. Er war in einem Milieu aufgewachsen, dem jede reaktionäre oder auch nur konservative Tendenz fremd war; empfindsam, aber empfindsam ohne jede Romantik, stark beeinflußt durch das lässig-umstürzlerische Wesen von Maurice Barres' Anfängen, außerordentlich intelligent und viel mehr als ich mit logischer Schärfe begabt. (Wir wollen ihn, wenn du willst, den „Logiker4 nennen.) So hatte er aus unserem Nihilismus alle Konsequenzen gezogen. Freien und rechtschaffenen Geistes wie nur einer, hatte er sich von allen philosophischen Illusionen befreit, alle sozialen Götzen zertrümmert; sogar die Idee des Vaterlandes konnte vor seinen kritischen Augen nicht bestehen. Im Gegensatz zu mir, ließ ihn anfangs sein unbedingter Skeptizismus Dreyfus' Unschuld als sehr möglich erscheinen; aber als eine Enthüllung nach der anderen mir diese Hypothese näher brachte, sah ich zu meinem großen Erstaunen, daß in dem gleichen Maß seine Meinung sich nach der entgegengesetzten Richtung entwickelte. Bald wurde behauptet, daß geheime Dokumente Dreyfus' Militärrichtern vorgelegen hätten, was einer Verletzung des Rechts der Verteidigung gleichkam, und daß das Verdikt ausgesprochen wurde, ohne daß der Angeklagte und sein Verteidiger Gelegenheit gehabt hätten, sich damit auseinanderzusetzen. Dieses Vorgehen schien mir für Dreyfus ein günstiges Präjudiz zu schaffen; wozu geheime Beweise, wenn andere genügten? Für meinen „Logiker" galt dieses Argument nur im Reich der reinen Abstraktion, und man wußte nicht, ob es auf den praktischen Fall anwendbar war. 226