Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 225 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Warum ich Jude bin schienen wäre, nur eine einzige Person in mir zu bewundern, unterschied ich mindestens fünf, von denen jede einzelne zu einem meiner Freunde in Beziehung stand: da gab es den DesGrieux, den ein Tiberge langweilte, den Pylades eines immer verbitterten Orest, den Agathon eines modernen Sokrates, dann den Ironiker, der mit dem Schatten der Dinge jonglierte, und den Romantiker, dessen ekstatische Rasereien das Klavier über sich ergehen lassen mußte. Konnte ein so vielseitiges Lebewesen ungefährdet diese niedrige Welt bewohnen? Wird es, vom Leben gewaltsam beschränkt, nicht verkümmern? Man beschloß, diesem Unglück zuvorzukommen. Mein Sokrates, dem es auf einen Schierlingsbecher mehr oder weniger nicht ankam, brachte mir ein Fläschchen Gift — und wenn er nicht die Sorgfalt besessen hätte, es mit klarem Wasser zu füllen, wärst du nie zu einem Großvater gekommen! Glaube nicht, mein Kind, daß ich die Vergangenheit nur darum wieder ans Licht ziehe, um Erinnerungen aufzufrischen. Wenn es einen Vorzug — oder einen Fehler — gibt, den man dem Judentum allgemein zubilligt, so ist es wohl die Liebe zu dieser Welt. Idealist oder Materialist — der Jude ist mit dem Leben fest verbunden, sei es, um es zu nutzen, sei es, um es zu veredeln. Abkehr vom Leben, vorzeitiger Verzicht: Beschaulichkeit, Untätigkeit oder Tod, ist nicht eines Juden Sache. Ich hatte die Gebräuche unld die Gesetze meiner Familie verlassen. Ich hatte ihren Gott verstoßen. Und nun schwieg die tiefste Stimme meines Stammes. Rüdtkehr zu Israel I. So stand es um mich, als bekannt wurde, daß der Hauptmann Alfred Dreyfus, den man 1894 als Verräter auf die Teufelsinsel verbannt hatte, ungerecht verurteilt worden war, einzig und allein darum, weil er Jude war. Die Sache schien mir zunächst uninteressant; eine simple Zeitungsnachricht, die mich in meiner Versunkenheit nicht stören konnte und die mir wenig glaubwürdig erschienen wäre, wenn ich geruht hätte, darüber nachzudenken: daß sieben Offiziere aus bloßem Vorurteil einen Unschuldigen in den Kerker geschickt hätten, mußte ein Hirngespinst sein. Die Bewegung zugunsten des Verurteilten schwoll indessen im Lande an; .einige unserer Lehrer interessierten sich für seinen Fall, bald fand er Parteigänger unter meinen Kollegen, sogar unter den „Ästheten"; und so losgelost 225