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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 224

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
224 (sequence 12)
Language
German
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Edmond Fleg Ich war sehr stolz, ein Philosoph zu sein und die Irrtümer um mich beklagen zu können. Meine Gespräche mit dem nächtlichen Gott änderten den Ton. Das „Gib dich zu erkennen, wenn du bist", das ich einst in Herzensangst wiederholte, war kein Gebet mehr, es war eine Forderung. Ich bot diesem Gott Trotz, ich lästerte ihn. Da gab ich es auf, zum Sprechen zu bringen, was nicht ist, und wandte mich von seinem Schweigen ab. Wie sehr ich auch in diesem Augenblick vom Judentum abgerückt war, ich sollte mich doch noch weiter entfernen. Ich ging nach Paris, absolvierte das Obergymnasium, besuchte die Sorbonne, wurde in die £cole Normale aufgenommen. Dies hätte mich zur Vernunft bringen können; das Gegenteil geschah. Ich möchte für den, der ich damals war, neben einiger Strenge viel ironische Nachsicht aufbringen; aber, ich muß dir gestehen, daß ich mich in meinem zwanzigsten Jahr zu einem Grad von Anmaßung emporgereckt hatte, von dem ich leider angesichts gewisser Tatsachen in der Folge wieder herabsteigen mußte. Einige meiner Kameraden, die vorgaben, unter meinem „Charme" zu stehen, wie ich es gern nannte, unterhielten sich damit, einen kleinen Hof um mich zu bilden, dessen Ergebenheit durch Spott gemildert; war. Man nannte uns „den Ästheten", und es scheint mir, als ob man damit nicht unrecht gehabt hätte. Ich hatte mich Anatole France und Renan zugewandt und aus der klaren Quelle dieser beiden Meister meinen sophistischen Dilettantismus genährt. Denn Dilettanten waren wir! Man sollte die Welt nicht ernst nehmen; man wußte nicht, ob sie existierte, denn man überließ den gewöhnlichen Leuten die groben Gewißheiten. Die Gesellschaft war es nicht wert, daß man sich mit ihr abgab: was lag so verfeinerten Geistern an den „Ewigen Grundsätzen", an den „Menschen- und Bürgerrechten", an dem Kampf der Parteien oder den Staatsformen? Auch die Moral schien recht schwerfällig. Über Gut und Böse war man hinausgewachsen. Nur die Kunst kam in Betracht, nicht allein die Kunst der Worte, der Töne, der Formen und Farben, die schließlich auch den untergeordneten Zweifüßlern zugänglich war, die ein Buch lesen, ein Konzert anhören, ein Museum besuchen konnten — vor allem die Kunst, aus den Augenblicken des inneren Lebens ein Werk zu schaffen, das der Betrachtung würdig war. Meine hauptsächliche Tätigkeit bestand also darin, mich zu bewundern; und da es mir in der fließenden Bewegtheit meiner Augenblicke armselig er- 224

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