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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 223

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
223 (sequence 11)
Language
German
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Warum ich Jude bin ihn mit dem „Reinen Akt"; die Stoiker verschmolzen seine Einheit mit der Einheit des Universums und Plotin machte ihn zu einer Dreieinigkeit! ... Was glauben? Wem folgen? Ich war starr. Im Mittelalter der gleiche Streit, in den Jargon der Scholastiker übertragen : Der heilige Augustinus kann sich mit dem heiligen Thomas nicht verstandigen, Averrhoes kann mit Scotus Erigena nicht einig werden!... In der Neuzeit setzt sich der Kampf fort: Malebranche contra Descartes! Leibniz contra Spinoza!... Da waren wohl die Beweise, die berühmten Beweise für die Existenz Gottes. Aber ich hatte zu viel davon gelesen: die Beweise bewiesen mir nichts. Wie triumphierte ich da, als Kant mit seiner wuchtigen Keule daherkam und alle diese Behauptungen zu Staub zerschlug! Ach, wie klug er sprach, wie recht er hatte: ja, wir legen die Gesetze unseres Geistes in die Dinge, wir können sie nicht erkennen, wie sie „an sich" sind; wir kennen weder das Sein^ noch die Substanz, weder das Absolute, noch Gott. Und dann trat, wie ein Taschenspieler, Spencer hervor, den Evolutionismus in Händen. Hokuspokus: und ich sah die Einheit die Mannigfaltigkeit erzeugen, aus der Einfachheit die Vielfältigkeit hervorgehen, vom niedrigsten Atom der Materie bis zu den höchsten Schöpfungen des Geistes. Einige geschickte Tricks: und wie durch Zauberei entstand die Pflanze aus dem Gestein, der Mensch aus dem Tier! Ein kleiner Kniff, und aus Vererbung und Ideenassoziation entsprangen die alten Illusionen: das Gute, das Böse, die Freiheit, Gott! Schließlich brachte mir Auguste Comte und sein Positivismus Gewißheit. Die Menschheit war offenbar durch drei aufeinanderfolgende Zustände gegangen: In der theologischen Periode erklärte sie sich die Vorgänge in der Natur aus übernatürlichen Ursachen, Zeichen, Wundern, Taten Gottes; in der metaphysischen Periode flüchtete sie sich in die Verwirklichung von Abstraktionen: facultas, essentia, accidentia; in der dritten Periode, die noch andauert, beschränkt man sich glücklicherweise darauf, durch Beobachtung und Experiment die Beziehung der Erscheinungen zueinander zu erkennen. Diese letzte Methode, die einzig gültige, hat die moderne Wissenschaft geschaffen und Metaphysik und Theologie auf immer verdrängt; es gibt keine andere Religion als die Religion der Menschlichkeit; das Urteil ist gefällt. Bei dieser Entdeckung des großen Nichts fiel ein Teil meines inneren Lebens zusammen. Ich hätte vernichtet sein müssen, aber nichts dergleichen geschah. 223

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