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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 222

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
222 (sequence 10)
Language
German
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Edmond Fleg ist. Es ist auch die meine, denn dieses so schöne Leben habe ich mir zum Vorbild genommen: seine Barmherzigkeit, seine Milde sind Gegenstand meiner Bewunderung; hier ist, was meine Seele liebt, was sie wirklich groß findet. Ich verstehe Jesus, aber ich sebe ihn nicht als übernatürliches Wesen an, das übersteigt meine Fassungskraft, und ich kann nicht die Augen schließen, um an seine Göttlichkeit zu glauben, das ist meines Verstandes nicht würdig. Ich verstehe sogar Jesus besser als einen Gott, der absoluter Herr und Richter ist. Das soll nicht heißen, daß ich Atheist bin, o nein. Ich bete jede Nacht, aber ich bete zu einem Gott, der in mir ist, und der nicht Herr ist. Man sagt mir: Gott ist ein geistiges Wesen. Warum sollte er nicht eine Idee sein, die ihre Stimme im Gewissen jedes Menschen laut werden läßt? Ich bewundere den absoluten Glauben, ich beneide den, der ihn besitzt, aber ach, ich habe ihn nicht. Ich kann nicht Jude sein. Ich kann nicht Christ sein. Aber bin ich sehr schuldig, wenn ich dem zu folgen vermag, den ich mir zum Vorbild erwählt habe, wenn ich das Gute zu meinem Gott mache und glaube, daß es die Manifestation eines allmächtigen Wesens ist? Möge ich Verzeihung finden, wenn ich irre, es werde mir einst da oben Gnade zuteil, wenn ich gezweifelt habe. Lasse dein Licht in mir leuchten, Gott, zeige dich, wenn du bist!" Ich habe seither mein Urteil über den Prozeß Jesu revidiert: du wirst, so hoffe ich, besser belehrt sein und den Schmerz, deinen ganzen Stamm zu beschuldigen — es war mein erster Schmerz — nicht kennen lernen. Dennoch sollte dieser Gott meines Gebetes — die einzigste und kostbarste Gabe, die mir von Israel geblieben war —, dieser Gott, den ich schon so frostig „das Gute" benannte und der trotz allem so lebendig in mir blieb, daß ich mich an ihn wie an ein lebendiges Wesen wandte, dennoch sollte sogar dieser Gott mein Herz verlassen. Das geschah im folgenden Jahr auf die banalste Art und Weise. Ich wollte Philosoph werden und da es in Genf keinen Philosophie-Unterricht gab, wagte ich mich ohne Führung in die tausend Seiten eines abenteuerlichen Buches: „Ausgewählte Werke ... Die großen Lehren ... Die großen Denker". Endlich sollte ich wissen! Schnell öffne ich das dicke Buch! ... Vor allem die Religion! ... Wie, so viel hat man über Gott nachgedacht und so viele widersprechende Dinge gefunden? Kein Wort über den Gott Israels: er ist also bedeutungslos? Aber ich erfahre, daß ein gewisser Protagoras nicht zu wissen vorgibt, ob die Gotter sind oder nicht sind und daß ein gewisser Kritias behauptet, sie seien von einem ebenso vorsichtigen als arglistigen Gesetzgeber erfunden worden. Man sagt mir, daß Sokrates den sittlichen Gott offenbart hat, den Gott der „zivilisierten Völker". Plato verwies ihn in das „Reich der Ideen". Aristoteles identifizierte 222

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