Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 221 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Warum ich Jude bin Während des folgenden Winters sollte ein Buch mich noch mehr vom Judentum lösen: das Evangelium. Nicht meine Freunde waren es, die mir die verhängnisvolle Entdeckung vermittelten. Ihr Zartgefühl hätte es nicht zugelassen. Aber ich, den auf das Alte Testament neugierig zu machen» niemandem gelungen war, ich wollte diesen Jesus kennen lernen, von dem man ihnen am Sonntag predigte. Ich sehe noch heute, unter den Bäumen des alten Platzes, das Schaufenster des Buchhändlers, der mir für ein paar Groschen alle Leiden dieser Enthüllung verkaufte. Ich höre noch heute den Schrei des Herzens in meiner Brust, als ich in aller Heimlichkeit die ewigen Seiten las. Ich war der Hirte an der Krippe, ich war der Fischer von Tiberias; ich schritt mit dem Lahmen, mit dem Blinden erblickte ich das Licht des Tages wieder, Lazarus' Auferstehung war die meine; das Vaterunser war mein Gebet, die Bergpredigt meine Predigt, der Todeskampf am Kreuz mein Todeskampf. Aber am Ende meines Leidensweges sprach ich nicht wie Christus: „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." Nein, ich entsinne mich, daß ich, vor Grauen, vor Scham für meinen Stamm gleichsam ans Kreuz geschlagen, klein und verlassen in meinem Zimmer ausrief: „Judenpack 1 Judenpack!" Ich habe in „Ein kleiner Prophet" meine damaligen Qualen in poetischer Form erzählt. Ich will nicht von Neuem beginnen. Aber um dir zu zeigen, daß dieser Roman nicht nur ein Roman ist, und um dir klar zu machen, was ich in diesen fernen Tagen „mein religiöses Denken" zu nennen wagte, will ich hier, ohne die Unbeholfenheit der Ausdrucksweise zu verbessern, abschreiben, was ich unlängst unter alten Papieren in meinem Tagebuch fand: „Ich bin nicht gläubig; Schuld daran ist meine alte Religion, meine arme Religion, Ruine eines unvollendeten Gebäudes. Welche Abhängigkeit von der Form zeigen diese, ach, so albernen Gebräuche; diese Verbote, Schinken zu essen, Samstag Papier zu zerreißen, diese Vorschrift, sieben Tage ungesäuertes Brot zu essen, haben mich schon seit langem zur Auflehnung gereizt, ohne daß ich gewagt hätte, es mir einzugestehen. Das Neue Testament war es, das meine Loslösung von all dem vollendete. Als ich von Jesu Todesqualen las, habe ich wirkliche Tränen geweint, und ich habe mich meiner Väter geschämt, die sich mit dem Blut dieses Gerechten besudelt haben, den sie verraten und gekreuzigt. Ja, ich habe mich meines Stammes geschämt. Man sagt mir: „Ein Jude und ein Christ können sich niemals verstehen." Nein, ich bin kein Jude. Es ist vielleicht schmachvoll, den Glauben seiner Väter in seinem Herzen zu verleugnen, aber ich bin nicht der Ansicht, daß ich ihre Irrtümer nachahmen muß. Meine Überzeugungen sind mein, niemand hat sie mir eingegeben, ich habe niemals Bücher darüber gelesen. Man sagt mir, daß nur die Christen ihre Religion verstehen können, weil ihre Religion das Leben Jesu 221