Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 220 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898957--02838-2899006- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Edmond Fleg Es war von einer alten Dame, ihrer Tochter und ihren drei Söhnen bewohnt; zwei von ihnen waren schon erwachsen. Als Witwe eines berühmten Schriftstellers hatte sie „Herrn Taine", „Herrn Renan", „Herrn Got" gekannt, war viel in Italien gereist. Reiche Erinnerungen belebten ihr Gespräch. Bei meinen Eltern hatte man vor geistiger Kultur Respekt, hier stand man auf vertrautem Fuß mit ihr. Von der ländlichen Behausung blickte man auf eine große Wiese, welche die steilen Ufer der Rhone beherrschte; an dieser Stelle bog der Fluß in ein zerklüftetes Becken ein. Meine alte Freundin lehrte mich die Natur zu sehen, die man mir nie gezeigt hatte. Das Wechselspiel der Wolken und des Lichtes waren Ereignisse für sie; sie wurden es für mich. Ich konnte nicht genau unterscheiden, was mir an diesem Familienleben neu war; hier herrschte eine Harmonie anderer Art als die, die ich kannte. So sonderbar, so lästig mir zwar schon die religiösen Gebräuche schienen, die für uns zu Hause Tagen, Monaten und Jahren ihren Rhythmus gaben, konnte ich mir doch das Leben ohne sie nicht vorstellen. Hier gab es keine Vorschriften für die Küche, keine anspruchsvollen Zeremonien, keine drückenden Verbote. Man ging Sonntags zur Predigt, das war alles. Oder vielmehr, das war es nicht: die Arbeit, das Wohltun, die Güte, die bei uns nur ausgeübt, kamen einem hier, wo sie gelebt wurden, klar zum Bewußtsein; und alles Licht des lebendigen Wortes erhellte und bereicherte das sittliche Gefühl. Und wie unabhängig voneinander waren hier Mutter, Brüder, Schwester, wie bestimmt in ihrem Auftreten! Ob es sich nun um einen Spaziergang, um eine lobens- oder tadelnswerte Tat handelte, ob es galt, eine selbst schwierige Entscheidung zu treffen oder hinauszuschieben — jeder von ihnen beharrte auf seinen Neigungen, als ob es ihm auch freigestanden hätte, eigene Neigungen zu haben. Das patriarchalische Gemeinschaftsgefühl, das bei uns herrschte, hätte solche Verschiedenheiten nicht aufkommen lassen. Und ich fühlte dunkel, wie ich mich dagegen auflehnte. Seither habe ich verstanden, was damals in mir vorging. In Genf, wo ich geboren war, blieben die Gesellschaftskreise scharf voneinander getrennt; ich hatte tatsächlich nur am Leben der Juden teilgenommen. Unser Ghetto war nicht mit Ketten abgeschlossen; und doch war es ein Ghetto. Es war das erste, Mal, daß ich es verließ. Ich atmete freie Luft und erblickte den freien Himmel: und mein Gefühl emanzipierte sich nicht nur von den Gebräuchen der jüdischen Familie, sondern von der jüdischen Familie selbst. 220