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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 219

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
219 (sequence 7)
Language
German
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Warum ich Jude bin Sterne auf der Wölbung schienen mir wirkliche Sterne eines wirklichen Himmels zu sein. Aber jetzt kannte ich den Kantor und den Rabbiner allzu genau. Sie entzauberten den Ort. Und bis auf wenige, von Musik verklärte Augenblicke, wo die geheime Pracht der Zeremonie ihre unleugbare Schönheit offenbarte, empfand ich nur Langeweile während der drückenden Stunden, die das häufige Wiederholen von Worten einer unbekannten Sprache nur noch lastender machte; wie groß war meine physische Abneigung gegen diese unmanierlichen Leute, die ihre Zeitung lasen oder laut sprachen; wie heftig mein Ekel, wenn ich die einzigen französischen Worte hörte, die unter den Augen des Heiligen Gesetzes, zur Aufmunterung der Freigebigkeit, die Höhe der einzelnen Gaben verkündeten. Auf diese Art konnte ich, als ich mit i3 Jahren die „erste Kommunion" des Juden machte, morgens vor der Bundeslade den biblischen Text, von dem ich kein Wort verstand, ohne einen falschen Ton heruntersingen, und abends nach dem Festmahl in einem Zug den Segensspruch aufsagen, der mir „hebräisch" geblieben war; aber als ich nachts, in meinem Bett, mich Angesicht zu Angesicht mit dem Gott fand, der zu mir kam, stieg die dunkle Frage in mir auf, ob er wohl der Gott Israels sei. Er war es, mein Kind. All diese Gebete, deren Sinn mir entging, offenbarten ihn in seiner Herrlichkeit; all diese Gebräuche, deren Leere mich so einsam machte, waren lebendig von seiner Gegenwart. Aber ich wußte es nicht, man hatte es mir schlecht gesagt; und es war mir bestimmt, lange Zeit unter Menschen und Gedanken umherzuirren, ehe ich zu dieser Erkenntnis gelangen konnte. Das ist, wirst du mir sagen, eine seltsame Art, auseinanderzusetzen, warum ich Jude bin. Aber du wirst nicht verstehen, warum ich es bin, wenn du nicht zuerst verstehst, warum ich aufgehört hatte, es zu sein. In diesen Tagen meines zarten Jünglingsalters war der Bruch noch nicht fühlbar. Mein Geist allein, ohne es zu wissen, rückte vom Geist meiner Familie ab. Aber nun sollte ich eine andere Welt entdecken. II. In meinem vierzehnten Jahr hatte ich mich ein wenig überanstrengt. Mein damaliger intimster Freund, ein Klassenkamerad, jetzt Pastor und Professor der Theologie, wohnte auf dem Lande. Frische Luft war mir nötig; seine Mutter war gern bereit, mich bei sich aufzunehmen. Ich spielte Klavier; aus Liebe zur Musik lud man mich in ein benachbartes Haus, dessen täglicher Gast ich wurde. 219

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