Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 218

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
218 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898957--02836-2899004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Edmond Fleg Mein Vater, der nachts hebräisch las, sagte mir bisweilen: „Es ist so schön!" Ich glaubte ihm nicht Wie hätte ich ihm glauben können? Die Werte des Judentums erschienen mir gering: für mich zählte nur, was das Gymnasium lehrte. Was die Unwissenheit des Kantors begonnen hatte, setzte die Ironie des Rabbiners fort. Er kam manchmal abends, nach dem Essen. Man setzte sich wieder an den Tisch, goß ihm ein Glas Bordeaux ein und hörte ihm zu. Er hatte glattrasierte Lippen und einen Backenbart. Ein glänzender Causeur, bezauberte er die ganze Stadt durch seinen Geist. Konnte ich erraten, daß sich hinter seinem Skeptizismus ein wirklicher Glaube verbarg, der sein Glück darin fand, die Einheit Gottes zu verkünden? An dem Gott gemessen, der in den Nächten zu mir sprach, schien mir der kaustische Humor seines menschlichen Vertreters allzu menschlich zu sein. Er war Professor für vergleichende Sprachwissenschaft an der Universität und spöttelte ein wenig von oben herab über die kleinen Händler seiner Gemeinde, denen er bei jeder Gelegenheit von ganzem Herzen diente. Wenn man ihm glauben wollte, betastete der jüdische Schneider, wenn er an seinem Laden vorbeiging, von rückwärts den Stoff seines geistlichen Rockes, weil er ihn beim christlichen Schneider kaufte. Und der Viehhändler, der für seine Tochter eine vorteilhafte Partie suchte, erklärte: „Ich bin kein Viehhändler, ich bin Viehfabrikant". Er gab auch jüdische Anekdoten zum besten, die guten jüdischen Anekdoten, über die ich lachte, derer ich mich auch ein wenig schämte: Zwei Juden verlassen in einer stürmischen Nacht das Gasthaus, lassen die Türe offenstehen, man schimpft hinter ihnen, sie murmeln: „Hört nur die Antisemiten!" Oder jene andere: Moses spielt im Paradies mit dem lieben Gott Skat: „Nur keine Wunder, Herr!" So ergötzlich diese Reihe von Portrats, diese Sammlung von Anekdoten auch war, setzte sie doch das Judentum in meiner allzu empfindsamen Seele herab. Und ich konnte diese grotesken Bilder nicht vergessen, wenn ich mich, übrigens ziemlich widerwillig, in die Synagoge begab. Wie es der Brauch war, hatte man mich zum ersten Mal hingeführt, als ich ganz klein war und ich mußte einen langen, mit bunten Buchstaben bedeckten Leinenstreifen um eine der heiligen Rollen wickeln. Ich trug meinen schwarzen Samtanzug mit den Perlmutterknöpfen und war in Verzückung. Von der Galerie blickte meine Mutter auf mich herab und die gemalten goldenen 218

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.