Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 217

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
217 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898957--02835-2899003
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Warum ich Jude bin Wer hatte mich gelehrt, auf diese Weise zu beten? Niemand. Aber was galten, an diesem formlosen, diesem stummen Gebet gemessen, unverstandliche Litaneien und Gesten, die man mir nicht erklärt hatte? Ich werde jetzt Worte niederschreiben, die meinem unsicheren Denken die Klarheit verleihen sollen, die ihm fehlte; ich begann einen Gegensatz zwischen meinem eigenen Gebet, das mir ganz vertraut war, und dem Gebet meines Vaters zu empfinden, das ich nicht begriff. Oder vielmehr schien nur mein Gebet mir ein Gebet zu sein; das andere eine Gewohnheit, die Gott nicht mehr sah. Auch mein kritischer Sinn erwachte. Samstag schrieb ich in dec Schule nicht. Es war verboten. Aber im Gymnasium schrieben meine älteren Brüder an diesem Tag wie die anderen; es mußte sein, des Studiums wegen. Mein Vater ging Samstag nach der Synagoge in sein Büro, auch er schrieb; es mußte sein, der Geschäfte wegen. So war also die Sabbatruhe nur für die ganz Kleinen ernst gemeint? Einmal nahm man mich auf eine Reise mit. Im Hotel hatten Fleisch- und Milchspeisen sich vermischt, man trug den Käse nach dem Fleisch auf und sogar Schinken erschien auf dem Tisch. Meine Eltern aßen und ließen mich von dieser verpönten Kost essen. Also waren die zuhause verdammten Gerichte nicht mehr verdammt, wenn man das Haus verließ? Das Gesetz war nicht mehr das Gesetz? So lernte ich gegen meinen Willen, wie alle Kinder aller Zeiten, meine Eltern sehen und ganz sachte ihre Götzen zerstören, da ich die Konsequenz aus ihren Inkonsequenzen zog. Andere waren mitschuldig, ohne es zu wissen. Vor allen mein Religionslehrer, der Kantor der Synagoge. Er hatte eine schöne Stimme, einen schönen Bart, eine schöne Seele. Aber als Lehrer setzte er mich in Erstaunen. Ich ging jetzt ins Gymnasium, war stolz auf mein Latein. Nun lehrte dieser Mann, daß das Hebräische keine Grammatik habe, was mich an dieser Sprache und an dem, der sie uns einschärfte, zweifeln ließ. Auch hätte seine Methode allein genügt, die wachste Intelligenz zu entmutigen; ich plärrte Gebete, die er für unübersetzbar erklärte. Der Religionsunterricht begann mit einem Satz, der mich belustigte: „Was bist du, mein Kind? Ich bin ein junger Israelit". Was die Heilige Schrift betraf, die mein ungebildeter Kantor .psalmodierte, wie unschön klang sie nach meiner griechischen oder römischen Geschichte! 2t7

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.