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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
216 (sequence 4)
Language
German
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Edmond Fleg Diese Moral wurde nicht erörtert, sie wurde kaum berührt, sie wurde betätigt: sie war das Leben selbst, wie die täglichen Riten. Niemals habe ich zwischen meinen Eltern andere Worte vernommen als Worte der Zärtlichkeit und der Rücksicht. Niemals hätte man daran gedacht, in ihrer Gegenwart zu klatschen, einen häßlichen oder zänkischen Ausdruck zu gebrauchen. Eine milde, aber strikte Gerechtigkeit bestrafte Verfehlungen oder belohnte guten Willen. Das Beispiel der Sparsamkeit und der Arbeit belehrte zu jeder Stunde. Das Vergnügen nahm seinen Platz ein, war aber kein Ziel. Wohltun wurde zu einer natürlichen Funktion. Man holte den Rat meines Vaters ein, man legte ihm Rechtsfälle vor; es ging ein solcher Frieden von ihm aus, daß die Gegner versöhnt schieden. Und diese vollendeten Umgangsformen, diese geregelte Vornehmheit des Herzens und des Geistes waren das Licht einer sehr schlichten Behausung, zu der man über eine finstere Treppe gelangte. Da war auch Gott: man lebte mit ihm, aber seine Gegenwart wurde stillschweigend angenommen; man sprach niemals von ihm. Nur beim Abendgebet, wenn meine Mutter oder auch Lisette mich zu Bett brachten, hörte ich seinen Namen oder sprach ihn aus. Es war recht kurz, dieses Gebet, einige hebräische Worte, die ich wiederholte, ohne sie zu verstehen, und dann ein einziger Satz: „Lieber Gott, beschütze Papa, Mama, alle, die ich lieb habe." Ja, es war kurz, dieses Gebet; und doch war es der Grund, warum mein Respekt vor dem häuslichen Kult sich zu lockern begann. Wenn das Licht erloschen war, blieb ich allein mit diesem Gott, dem ich soeben eine Lektion aufgesagt hatte. Dann sprach ich mit ihm. In welcher Form? In welcher Sprache? Wie soll ich es dir wiedergeben, mein ungeborener Enkel? Wenn auch du diesen Drang zum Unsichtbaren, diese Berührung des Jenseitigen empfindest, wie ich sie empfunden habe, wenn du diesen inneren Ruf still aussprichst, wirst du die Worte wiederfinden, die mir dienten. Gott war gegenwärtig, ich wußte es, überall und in meinem Herzen. Ich erzählte ihm von meinen Fehlern und ich suchte seine Vergebung. Ich wollte besser sein, ich konnte es nicht ohne ihn. Ich versprach ihm, mich zu bessern, ich flehte ihn an, mir zu helfen. Und er half mir, dessen war ich sicher. Ich stieg zu ihm empor. Er umgab mich. Er nahm mich zu sich; ich schlief in seinen Armen ein. 2X6

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