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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 215

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-08-01
Page
215 (sequence 3)
Language
German
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Warum ich Jude bin zweierlei Geschirr da, das eine für Fleisch-, das andere für Milchspeisen, und sie zu verwechseln war ein Verbrechen- Wenn eine Straßburger Gans eintraf, trug sie am Hals, auf einem roten Siegel geheimnisvolle Zeichen, die vor dem Gußstein zu archäologischen Kontroversen Anlaß gaben; denn es handelte sich für meine Mutter und Lisette, die Köchin, darum, durch authentische Entzifferung festzustellen, zu welcher Stunde welchen Tages das Tier geschachtet worden war, und ob es noch zulässig war, es einzulegen. Schinken, Austern, Krebse, Wild gab es nur dem Namen nach; Geschmack, Farbe und Form dieser verfehmten Gerichte waren mir unbekannt. Sonnabends eine Straßenbahn zu besteigen wäre mir ebenso abenteuerlich erschienen wie eine Fahrt nach dem Mond, und das Ausblasen einer Kerze ebenso unsinnig, wie wenn man versucht hätte, die Sonne auszublasen. Gewisse Riten — welch feierliches Wort für so gewohnte Handlungen — kehrten alljährlich wieder, selbstverständlich wie die Wiederkehr der Jahreszeiten, die sie begleiteten: das Palmenblatt, das man schwang, die duftende Frucht, die Reihe der Kerzenstümpchen, eines immer kleiner als das andere., die man, beim kleinsten beginnend, entzündete. Einmal im Jahr aß ich allein zu Mittag; und meine Brüder, die schon groß genug waren, um zu fasten, kamen aus der Synagoge mit angegriffenen Gesichtern zurück, deren stolzen Ausdruck ich bewunderte. Ein andres Mal wieder jagten meine Mutter und die alte Lisette an allen Ecken und Enden der Wohnung, in allen Kleidertaschen den Brotkrumen nach. Der Brotlaib auf dem Tisch mußte dem ungesäuerten Brot weichen. Bei Tisch sang mein Vater hebräische Gesänge, den Hut auf dem Kopf. Der Mörser und die bitteren Kräuter gingen von Hand zu Hand; man leerte vier Schalen, und man öffnete die Tür für jemand, der nicht eintrat. Was das alles bedeutete, wußte ich nicht; ich fragte weder die anderen noch mich selbst. Ich fühlte nur eines: daß das Gesicht meiner Eltern in diesen Stunden die Freude und den Frieden ausstrahlte, den ich seither nur an den Bildern der großen Heiligen erblickt habe. Es waren nicht nur die unreinen Speisen, die verpönt waren; andere Verbote betrafen die Lüge, die Trägheit, die Naschhaftigkeit, die Rohheit, die Bosheit, alle Formen des Bösen; und der Geist der Eintracht, der Güte und der Liebe war ebenso selbstverständlich wie die gewohnten Handlungen des häuslichen Kultes. 215

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