Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Warum ich Jude bin
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 214 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Edmond Fleg Ich selbst, mit zwanzig Jahren, glaubte nichts mehr mit Israel gemein zu haben. Ich war überzeugt, daß Israel verschwinden, daß von Israel in zwanzig Jahren nicht mehr die Rede sein werde. Die zwanzig Jahre sind vergangen und zwölf dazu, und ich bin wieder Jude, so offenbar Jude, daß ich gefragt werde, warum ich es bin. Was mir geschehen ist, kann auch dir geschehen, mein Kind. Wenn du glaubst, daß die Flamme Israels in dir erloschen ist, schau um dich und warte; eines Tages wird sie wieder aufleuchten. Das ist eine sehr alte Geschieht», die in jedem Jahrhundert neu beginnt: Israel hätte tausendmal sterben können; tausendmal ist es wieder aufgelebt. Ich will dir erzählen, wie es in mir gestorben und wieder aufgelebt ist, damit auch du, wenn es in dir sterben sollte, es zu neuem Leben erwachen fühlst. So werde ich Israel zu dir geleiten und du wirst es zu anderen geleiten, wenn du willst, wenn du kannst. Und wir werden beide, auf unsere Weise, die göttliche Vorschrift behalten und übermittelt haben: „Bewahre meine Worte in deinem Herzen und in deiner Seele; binde sie als Zeichen an deine Hand und sie seien ein Band zwischen deinen Augen. Lehre sie deine Kinder . . . Fern von Israel I. Ich habe in meiner zarten Kindheit Dinge gesehen, die du durch meine Schuld wahrscheinlich niemals sehen wirst. Mein Vater war ein Gerechter im Sinn der Heiligen Schrift und meine Mutter eine heitere Priesterin des häuslichen Herdes. Die Religion war in jener Zeit mit allen Handlungen ihres Lebens verschmolzen, aber auf eine so schlichte Art, daß ich darin keine Religion sehen konnte. Ich fand es natürlich, daß mein Vater sich des Morgens in einen weißen schwarzgestreiften Wollschal hüllte und seine Stirn und seinen linken Arm mit Lederriemchen umwand, Worte murmelnd, die keine Worte waren. Der Segen nach der Mahlzeit schien mir ebenso wichtig, wie die Mahlzeit selbst; und am Freitag abend war ich nicht überrascht, wenn meine Mutter ihre durchsichtigen Finger über das Werg hielt, das im öl brannte. Alles, was mit der Küche zusammenhing, war hierarchisch geregelt. Man durfte nicht Butter nach Fleisch essen, noch sich beim Zerlegen eines Huhns des Messers bedienen, das für den Käse bestimmt war; denn es war 214