Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Bemerkungen zur Arbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 192 (sequence 4)
- Language
- German
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Bertha Pappenheim unterernährt und in einem bedenklichen Zustand von Unsauberkeit und mangelhafter Kleidung, der im Winter furchtbar sein muß. Was die Ernährung betrifft, so fehlt den Kindern (den Erwachsenen bei schwerer Arbeit natürlich auch) Milch, Zucker, Fett, Vitamine, Grieß, Reis und Hülsenfrüchte usw. Sie leben fast ausschließlich von Tee und Brot. Die blutleeren Lippen und Ohren der Kinder, die welke Haut schon bei den Allerkleinsten, — die deutlichen Anzeichen der Rachitis, das Einfallstor der Tuberkulose — beweisen, daß es höchste Zeit ist, sich mit den Fragen der Kinderernährung zu beschäftigen, wenn nicht das ganze Kolonisatiouswerk schon innerhalb der nächsten Generation gefährdet sein soll. Außerdem hat man für diese Tausende von Familien von dem Augenblick an, wo man sich mit ihnen irgendwie beschäftigt, eine stärkere Verantwortung, als wenn sie in ihren Ursprungsdistrikten nur „jüdische Massen" sind. Das gilt für die meisten Beziehungen ihres Lebens. Aber sage man nicht zur Beruhigung des Gewissens, daß die jüdischen Familien vor ihrer Übersiedlung aufs Land auch und ebenso unterernährt waren. Für die Kinder wird das sicher, mit Ausnahme der Hungerjahre, nicht in vollem Umfange zutreffen, da sie in den kleinen Städtchen, wie alle Kinder auf der Straße dort, mehr Gelegenheit hatten, sich auf legalem und illegalem Wege allerlei Nährstoffe zuzuführen, sei es etwas Obst, rohes Gemüse, Zuckerwerk, ein Schnippel Wurst oder Käse usw. Dazu gibt es in den Kolonien gar keine Gelegenheit. Als einzig gangbaren Weg, diesen Ernährungszustand zu bessern, sehe ich nur eine rasch einzuleitende Organisation für eine Art von Natural- und Tauschwirtschaft. Die Siedler haben zwar alle kein Geld, noch wissen sie das den Kindern Nötige einzukaufen, aber sie haben schon bei einer mittleren Ernte, die mir als Laien ein bewundernswerter Ertrag schien, reichlich Getreide. Man versuche deshalb, gegen eine bestimmte Menge von Korn und Weizen den Siedlern nach der Kopfzahl ihrer Familien, Zucker, öl, Kartoffeln, Grieß, Reis, Hirse, Hülsenfrüchte usw. zu liefern, und vor allem gebe man den Kolonisten, diesich noch keine Kuh kaufen können, i—2 Z i e g e n , damit die Kinder und die stillenden Mütter und schwangeren Frauen, die körperlich und psychisch versagen, etwas Milch bekommen. Damit nähere ich mich einem großen Fragenkomplex, den ich den Agrojoint bitten möchte, ehestens so ins Auge zu fassen, wie es bevölkerungspolitisch und vom Standpunkt einer praktischen Siedlungspolitik nötig ist: Die Kolonistenkinder brauchen eine wohldurchdachte, organisierte sanitäre Beaufsichtigung (im elterlichen Hause, nicht in einer Poliklinik). Jedes Kind muß 4—6mal im Jahr von einem Arzt oder einer Ärztin gesehen und untersucht werden. Es muß eine Kinder-Kartothek mit ärztlichem Fragebogen geben, und es müssen in den Distrikten regelmäßige sanitäre Konferenzen stattfinden. Die vorhandenen Sanitätsstationen genügen dafür nach keiner Richtung. Zur Bekämpfung der Malaria z. B. geschieht bisher in den Kolonien gar nichts, und wenn unter den unterernährten, ungepflegten Kindern, in den unsauberen Wohnungen eine Scharlach-, Masern-oder 192