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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 191

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Bemerkungen zur Arbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands
Date
1928-06-01
Page
191 (sequence 3)
Language
German
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Bemerkungen zur Axbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands Beamten und Arbeitern die Sabbathheiligung freistellt, und es ist zu hoffen, daß mit einer anscheinend einsetzenden milderen Auffassung der Regierung in religiösen Dingen, die Büros des Agrojoint und ihre Werkstätten bald dazu übergehen werden, den von der Regierung geforderten „freien Tag" im Laufe der Woche vom Dienstag oder Sonntag auf den Sabbath zu verlegen, wenn auch im Handel mit Gegenständen des täglichen Bedarfs der Ladenschluß am Samstag noch im ganzen Lande strengstens verboten ist. Ebenso besteht noch für die Schulen und die Erziehung der Kinder die Tendenz der Areligiosität als eine unveränderte Norm. Durch eine besondere Ungunst im Zusammentreffen von Hindernissen mußte ich meine Studienfahrt nur auf die neuen und zwei alte Kolonien im Kreise von Cherson beschränken, doch wird das, was mir am auffallendsten schien, wohl auch auf die meisten der neuen Siedlungen zutreffen. So scheinen mir vor allem in der Anlage der Dörfer zwei Anordnungen nicht sehr glücklich. Die allzugroße Entfernung der Brunnen von den Häusern: Bei einer Bevölkerung, die den Nutzen des Wassers erst lernen muß, ist die Zumutung, es mit Pferd und Wagen in Fässern mindestens 10 Minuten weit holen zu müssen, sozialpädagogisch wie sozialhygienisch ein Fehler. (An die Möglichkeit einer Brandkatastrophe mit ihren Schrecken und Schäden scheint man gar nicht gedacht zu haben.) Ich kann darum begreifen, daß die Frauen, denen ein großer Wasserverbrauch nicht inneres Bedürfnis ist, im russischen Winter sowohl wie im russischen Sommer ihren Wasserbedarf auf ein bedauerliches- Minimum einschränken. Der Brunnen gehört, von allen Häusern leicht zugänglich, in die Mitte des Dorfes, d. h. das Dorf muß um den Brunnen als Zentrum gebaut sein. Das erleichtert auch die "Vieh- und Geflügelhaltung, und die Anlage von Gemüsegärten, die auch nicht weit von den Häusern liegen dürfen, wird erst durch die Nähe des Brunnens ermöglicht. Bei neuen Siedlungen — in den alten Kolonien ist dieser Fehler vermieden — könnte man vielleicht noch durch Rutengänger weitere leicht zugängliche Wasseradern erschließen. Das Dasein der Siedler ist in den ersten Jahren ihrer „Überwanderung" an und für sich so schwer, daß man ihnen in den primitivsten Lebensbedingungen, zu denen das Wasser gehört, die möglichste Erleichterung bieten müßte. Als weiterer Fehler der Wohnanlage erscheintmir, daß man die Siedler nieht an die Notwendigkeit eines W. C. — den Begriff als Raum, nicht als Installation gedacht, — gewöhnt. Ein Häuschen außerhalb des Hauses, als eine unabweisliche hygienische Forderung ist nirgends zu finden! Man denke an Typhus- und Ruhrepidemien, die zu bekämpfen unmöglich werden, wenn man die gefährlichen Ausscheidungen im ganzen Dorf verstreut, und nicht durch Desinfektion unschädlich machen kann. Die wichtigste Beobachtung aber, die ich der Leitung des Agrojoint gegenüber nicht unausgesprochen lassen darf, ist der Zustand, in dem ich die Kinder der Kolonisten fand: sie sind erschreckend 191

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