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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 193

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Bemerkungen zur Arbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands
Date
1928-06-01
Page
193 (sequence 5)
Language
German
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Bemerkungen zur Arbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands Diphterie-Epidemie ausbrechen würde, stände man ratlos und hilflos einer Katastrophe gegenüber. Man muß darum in jedem Distrikt eine Isolierbaracke bereit halten. Im engsten Konnex mit der unabweislichen Frage der Ernährung der Kinder und ihrer sanitären Betreuung steht die Frage der Eignung und der Heranbildung der jüdischen Frauen und Mädchen zu gut, fleißig, ausdauernd und froh schaffenden Siedlersfrauen. Mit ihnen steht oder fällt jeder landwirtschaftliche Erfolg in den Kolonien. Ich gestehe, daß ich aus meinen Erfahrungen und Beobachtungen nach dieser Richtung, wenigstens der heutigen Generation gegenüber, nicht sehr optimistisch bin und darin eine große Gefahr für jede Kolonisationsbestrebung sehe. Die Ostjüdin kennt den Wert und die ökonomische Bedeutung der hauswirtschaftlichen Tätigkeit der Frau nicht, und sie ist technisch ihren Aufgaben an Ordnung und Reinlichkeit nicht gewachsen. Sie vergeudet Werte, die sie teils zu träge, teils zu ungeschickt und unerfahren ist, zu erhalten, und es darf meiner Ansicht nach aus rein wirtschaftlichen Gründen nicht gezögert werden, zu versuchen, die heranwachsenden Töchter praktisch von diesem Erbfehler der Ostjüdin zu befreien. In Deutschland hat man für die vielseitige hauswirtschaftliche Tätigkeit als sozialen Faktor das Wort „Hauspflege" geprägt und kennt Hauspflegerinnen, die sich bei gewissen Notständen in den Familien (Wochenbett, Krankheit der Hausfrau) beruflich in den fremden Haushalten betätigen. Solche Hauspflege zum Zwecke von Anleitung und Belehrung brauchte man in den so hübsch und zweckmäßig gebauten Kolonistenhäuschen, damit die Frauen und Mädchen lernen, was eine Hausfrau und Mutter können und wissen muß. Es wird seitens des Agrojoint ernster Beratungen bedürfen, um für die Siedlerinnen den rechten Weg für hauswirtschaftliche Ertüchtigung zu finden. Ein Lehrhäuschen mit Musterwirtschaft in vierteljährlicher Lehrzeit schien mir ein Anfang, der bei relativ geringen Kosten die wenigsten Unzuträglichkeiten brächte. Natürlich braucht man eine Lehrerin, die selbst Hand anlegt. Was der Mann im Schweiße seines Angesichts erarbeitet, darf nicht durch die Untüchtigkeit der Frau verloren gehen. Das ist auch eine ernste Frauenkulturfrage, von deren Auffassung Gedeih und Verderb der Gemeinschaft abhängt — nicht nur im materiellen Sinne. Und noch eine furchtbare Gefahr sehe ich für das jüdische Leben heraufdämmern: die sowjetrussische sexual-ethische Auffassung, die den Verkehr der Geschlechter hemmungslos freigibt und deren Folgen man, zum ausschließlichen Schaden der Frau, unentwickelt, unausgereift zerstört, vernichtet. Eine jüdische Ärztin, die vertretungsweise in einer Kolonie arbeitete, gab mir die folgenden Zahlen: Im Mai 1926 hatte sie (infolge ihrer Ablehnung, Aborte einzuleiten, die sie ärztlich nicht für nötig fand) 5 Geburten und 1 Abtreibung in Behandlung. Als dann die Frauen andere Wege fanden, ihre Absicht durchzuführen, hatte sie im Juni 7 Geburten und 5 Abtreibungen; im Juli 1 Geburt und 11 Abtreibungen. Ich setze diese kurze statistische Bemerkung aus meinen allgemeinen Reisenotizen hierher, trotzdem sie in keinem 193

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