Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Bemerkungen zur Arbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 190 (sequence 2)
- Language
- German
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Bertha Pappenheim nach der Stellung der Berichterstatter zu der Bewegung als solcher, je nach Auffassung und Temperament verschieden sind, und so wird auch das, was ich, als langjährige Sozialarbeiterin zu sagen habe, von dem, was bisher zur Frage der russisch-jüdischen Kolonisation gesagt worden ist, ganz verschieden sein müssen. Ich enthalte mich vorsätzlich einer Beurteilung der Idee. Wenn man bedenkt, daß jüdische Emigranten, sofern sie Lebenskraft genug zu haben glauben, außerhalb der russischen Kleinstadt eine Berufsumschichtung durchzuführen, in der ganzen Welt einer Reihe von abwehrend aufgerichteten Gesetzesparagraphen gegenüber stehen, so kann die Idee: die jüdischen Massen in Rußland selbst, ohne kostspieligen Reiseapparat, ohne sie ihrem Kulturniveau zu entreißen, in die Landwirtschaft zu verpflanzen, nur wie das Ei des Columbus janmuten. Das, was ich sagen werde, sind selbstverständlich keine lieblos-kritischen Bemerkungen zu den unvermeidlichen Unzulänglichkeiten eines jungen Unternehmens, sondern es sind Beobachtungen und Anregungen einer Frau für die wichtigsten Gebiete der Agrojoint-Arbeit, die, nachdem sie amerikanisch schnell gewachsen ist, nun auch qualitativ ausgebaut werden muß, auch nach Richtungen, die unmöglich in dem Gesichtsfelde der jungen Agronomen, die vorwiegend am Werke sind, liegen können. Fast scheint es mir, als müßte die Leitung in dieser Beziehung künftig auch durch Persönlichkeiten von sozialpolitischer Erfahrung ergänzt werden. Um vielfachem Mißverstehen zu begegnen, will ich, bevor ich auf Einzelheiten eingehe, ein allgemeines Wort zu dem religiösen Moment in der Agrojoint-Organisation sagen. Dieses wird, trotzdem man es auch bei den Kolonisten vielfach mit „religiösen Luftmenschen" zu tun hat, keinesfalls prinzipiell verleugnet. Nur war es im Anfang der Arbeit erste unumgängliche Bedingung, sich den strengen Forderungen der Sowjetregierung, die jede religiöse Äußerung unterdrücken und sogar verfolgen zu müssen glaubte, zu fügen. Heute scheint die Entwicklung dahin zu gehen, daß das religiöse Leben des Einzelnen weniger einer Kontrolle unterzogen wird und daß sowohl in den Familien wie in den Kolonien den Gesetzen und der Tradition Genüge geleistet werden kann, sowohl bezüglich der Sabbathheiligung — soviel mir bekannt wurde, wird in den Kolonien am Samstag nicht gearbeitet — wie der anderen Gebote (mit Ausnahme der Mikwoh), nur daß der Agrojoint völlig berechtigterweise seinerseits die Siedler absolut unbeeinflußt läßt. Die Siedlungen sind als freie Gemeinschaften gedacht und entstanden, und die religiöse Lebensauffassung ihrer Mitglieder zu beeinflussen, darf, schon um keine Differenzierung nach irgend einer Richtung zu pflegen oder zu unterstreichen, nicht Sache einer Institution sein, deren große Aufgabe es ist, mit rein sachlichen Mitteln Juden zum Ackerbau zu führen, sie zu produktivieren. Ihr ethisch-religiöses Gleichgewicht, die Harmonie ihres Daseins nach allen Richtungen wieder zu finden, ist Sache der Siedler selbst, und nicht die des Agrojoint. Für die Öffentlichkeit ist es wichtig zu wissen, daß die Leitung des Agrojoint dort, wo individuelleWünsche auftauchen, seinen 190