Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Bemerkungen zur Arbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 189 (sequence 1)
- Language
- German
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Bemerkungen zur Arbeit des Agrojoint in einigen jüdischen Kolonien Sowjetrußlands Von Bertha Pappenheini Die Kunde davon, daß in verschiedenen Teilen Rußlands eine Bewegung unter den dort lebenden Juden entstanden war, die aus der Energie der Not für tausende von Familien neue Lebensmöglichkeiten suchte, beschäftigte mich in immer erhöhtem Maße, je mehr Tageszeitungen, sowie jüdische Presse, darüber berichteten, daß die bekannte amerikanische Hilfsorganisation, der Joint, eine neue Riesenarbeit aufgegriffen hatte. Sie will den durch den Krieg und die politischen und ökonomischen Verhältnisse verarmten Juden der russischen Kleinstädte, nicht nur in bildlichem Sinne, neuen Boden unter den Füßen schaffen, d. h. wieder aufbauen, rekonstruieren, was an jüdischer Lebenskraft zu verfallen drohte. Es war ein amerikanischer Jude, Dr. Rosen, der das Gefühl für sein seit Jahrzehnten verlassenes Geburtsland, trotz aller Erfolge in der neuen Heimat, nicht verloren hatte, und der mit staatsmännischem Blick und Geschick den historisch einzig gegebenen Augenblick zu erfassen wußte, als die russische Regierung eine Bereitwilligkeit zeigte, die .Berufsumschichtung von Juden aus Händlern und arbeitslosen Handwerkern zu kleinen Landwirten zu fördern, — die Luftmenschen zu produktiveren. Nicht von außen angeregt, ohne ideologische oder politische Motive, mehrten und häuften sich beim Joint Anträge von russischen Juden um Beihilfen, das Land, das die Regierung unentgeltlich und reichlich zur Verfügung stellt, zu bearbeiten, urbar und bewohnbar zu machen. Durch den Einfluß und unter dem Vertrauen, das der jüdische Staatsmann bei seinen Freunden in Amerika genießt, entstand im „Agrojoint" als eine Sektion des Joint eine Organisation — überraschend in der Schnelligkeit ihrer Entwicklung sowohl wie in den Formen, dem Ausmaß und der Bedeutung eines lebendigen Siedlungsbildes. Die Tätigkeit des „Agrojoint" erstreckt sich auf etwa vier Jahre und es liegen den Interessenten verschiedene Berichte vor, deren letzter offizieller in kühler Sachlichkeit, unter Verzicht auf jede Äußerung von Enthusiasmus und Optimismus seitens des Schöpfers der Idee, nur Zahlen gibt, allerdings sehr interessante und beredte Zahlen. Außer den offiziellen Berichten trifft man auch noch manche andere, die je 13* 189