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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 186

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Soll die jüdische Jugend Bibellektüre treiben?
Date
1928-06-01
Page
186 (sequence 4)
Language
German
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Hans Löwenberg gendlichen in übersteigertem Verhältnis sieht. Die Folge ist, daß er Erwägungen und Fragestellungen in den jungen Menschen weckt, die zwar schon vorhanden sind, die aber noch schlummern. Zu der Fülle der Probleme kommen auf diese Weise immer neue hinzu, die sofort gelöst werden müssen. Dabei handelt es sich fast stets um Fragen, die momentan nicht zu lösen sind, für die es womöglich eine „Lösung" überhaupt nicht gibt. Hinzu kommt der äußere Zwang, Stellung nehmen zu müssen, da diese Kurse ja meist Arbeitsgemeinschaften in Kreisen sind, die einen solchen Zwang auf ihre Mitglieder ausüben. Und selbst jetzt fragt sich's noch, ob der Kursusleiter an die Bezirke, die dem Jugendlichen wesentlich sind, herankommt, ob er die Dinge nicht auch schon durch die Brille des Rationalismus betrachtet. Zu bedenken ist ferner, daß der „Führer", wenn er die geistig-seelische Lage der Jugendlichen in der geschilderten Weise berücksichtigt, sich selbst als Maßstab setzt und setzen muß. Er ist aber für die große Zahl der Jugendlichen kein Maßstab; insofern nämlich, als er als Führer ja über den Durchschnitt hinausragt; und dieses Hinausragen ist schon in der Pubertät angelegt, ist also nicht auf den Durchschnitt anwendbar. Das ist der zweite Grund, aus dem heraus er die Problemstellungen der Jugendlichen — und natürlich auch die religiösen — leicht in zu starker Beleuchtung und Wirkung sieht. III. Diese Schwierigkeiten bestehen in jedem Falle, ob der Jugendliche Bibellektüre treiben will oder nicht; ihre Überwindung ist entscheidend für die religiöse Haltung, die sich in dem Jugendlichen entwickelt. Zu diesen Schwierigkeiten, die sich also ohne Zutun des Jugendlichen naturnotwendig ergeben, kommen die, die er der Bibellektüre ganz bewußt entgegensetzt. Sie äußern sich darin, daß er die Bibel nicht lesen will. Soweit das unterrichtliche Gründe hat — ich denke dabei an das Parallelbeispiel der deutschen Lektüre, die den Schülern manche Dichtwerke geradezu verleidet hat —, mag es hier wegen seiner Selbstverständlichkeit unerörtert bleiben. Auch ist das eine Schwierigkeit, die sich nur in der Schule ergibt, und hier soll jetzt von der Bibellektüre außerhalb der Schule die Rede sein. Da ist zunächst überhaupt eine gewisse Voreingenommenheit gegen die Bibel zu beobachten, und ich glaube nicht, daß sie — wie mir einmal ein Jugendführer sagte — meistens auf Oberflächlichkeit beruht. Es ist auch nicht der Gedanke, daß die Bibel ein altes, oder gar veraltetes Buch sei. Im Gegenteil: wenn ich mir vorstelle, daß alle anderen Schwierigkeiten aus der Welt geschafft seien, mögen sich diese jungen Menschen sehr wohl für die Bibel erwärmen lassen. Es muß also etwas in den Jugendlichen sein, das sie — aus ihnen selbst unbewußten Gründen —. zur Ablehnung der Bibellektüre veranlaßt. Das dürfte die Tatsache sein, daß in der Pubertät — und besonders in ihrer ersten Hälfte — die religiöse Entwicklung gar nicht so im Vordergrund steht. Damit ist nicht gesagt, daß sie ruht. Der Gesamtentwickllung entsprechend entwickelt sich auch die Religiosität und erscheint eines Tages unter geeigneten Bedingungen wieder an der Oberfläche. 186

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