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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 187

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Soll die jüdische Jugend Bibellektüre treiben?
Date
1928-06-01
Page
187 (sequence 5)
Language
German
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Soll die jüdische Jugend Bibellektüre treiben? Was die Jugend interessiert, sind Tagesfragen, Dinge also, die sie sich konkret vorstellen kann. Und damit die Kräfte zur Entwicklung gelangen, müssen sie ausprobiert und geübt werden, denn das ist ja das Wesen der Entwicklung. Außerdem sieht der Jugendliche die Analoga zu diesen großen „Ereignissen des Tages" täglich in kleinem Maßstabe um sich, wenn er sie auch noch nicht voll erfassen und deuten kann. — Die Anwendung der Religion, wenn dieser Ausdruck erlaubt ist, ist die Ethik. Wo immer Jugendliche religiöse Fragen diskutieren, entstammen sie der Ethik. Aber kein Gebiet läßt ohne Anwendung auf die Praxis so unbefriedigt wie das der Ethik. Und das empfinden die Jugendlichen. Zwar werden bei solchen Diskussionen Fälle vorgebracht; doch sind sie entweder konstruiert oder schwer nachzuerleben. Die Fälle, in denen die Entscheidung über „gut" oder „böse", „erlaubt" oder „unerlaubt" eindeutig ist, sind uninteressant, es müssen Grenzfälle herangezogen werden. Und Grenzfälle finden sich nur im tatsächlichen Leben, nur da ist man sie zu erfassen und zu entscheiden fähig, und vor dieser Schwierigkeit steht der Jugendliche ja nur in den allerseltensten Fällen. In der Studierstube ein guter Mensch zu sein, um es ganz deutlich zu sagen, ist kein Kunststück. Zu diesem Grunde kommt hinzu, daß ganz gewiß der Jugendliche — auch wieder ihm selbst nicht bewußt — das Gefühl für die Unausprechbarkeit der religiösen Geheimnisse hat. Bei der unbedingten Ehrlichkeit, die gerade der Pubertät eigen ist, mit der alle Fragen beantwortet werden müssen (daher ja die Grübelei der Jugendlichen), geht es für den Jugendlichen nicht an, religiöse Fragen, wenn sie erst einmal gestellt sind, ungelöst zu lassen. Sie werden nach allen Richtungen durchdacht, zergliedert und enden im extremen Falle im Atheismus (im ,,quasi"-Atheismus). Und neben dieser Verneinung liegt doch im tiefsten der Seele eine ganz positive Religiosität, unsichtbar für ihren Träger und für die Außenwelt. Und diese innerste Religiosität gibt dem Jugendlichen die Scheu, über Religion zu reden. IV. Diese Zeit braucht darum noch immer nicht ungenutzt zu vergehen; wie mit der allgemeinen Geschichte, so wird sich der Jugendliche auch mit der jüdischen Geschichte in geigneter Form (die Beschäftigung damit ist freiwillig!) beschäftigen. Für philosophische Fragen bringt er, wenn sie ihm nicht zu fem liegen, ohnehin Verständnis auf. Auf dieser Grundlage ist es dann möglich, die Bibel mit ihm zu behandeln, sobald er dazu reif geworden ist. Dieser Zeitpunkt läßt sich abpassen; und das ist. wünschenswert, damit nicht ein zu Hause etwa vorhandener Einfluß des Indifferentismus oder gar der Nichtachtung der Religion die Oberhand gewinne, eine Schwierigkeit, die uns leider immer droht Hinzu kommt die praktische Betätigung, die dem Jugendlichen sehr angemessen ist. In verhältnismäßig kleinem Kreise ist die Ausgestaltung von Feiern — und dagegen, daß es religiöse Feiern sind, wird kein Jugendlicher etwas einzuwenden haben — durchaus möglich, zumal der Sinn für das Feierliche gerade bei der nach innen gekehrten Art des Jugendlichen ihm durchaus eignet. Darin liegt schon, daß ge- 13 187

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