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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 185

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Soll die jüdische Jugend Bibellektüre treiben?
Date
1928-06-01
Page
185 (sequence 3)
Language
German
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Soll die jüdische Jugend Bibellektüre treiben? goge geht unter einer Begründung, die für den Erwachsenen durchaus unbefriedigend wäre. Er betet mit der Gemeinde und ist dabei Atheist. Natürlich ist auch dafür eine Begründung vorhanden, denn es ist ja für die Pubertät typisch, daß sich die jungen Menschen zergrübeln und gleichsam sezieren und für alle Erscheinungen eine — wenn auch nicht immer zutreffende — durchaus rationale Begründung haben müssen. Aber auch dieser Rationalismus ist nur ein „quasi"-Rationalimus. Im Grunde genommen zeigt ja eben die Handlung (der Besuch der Synagoge), daß außer diesen rationalen noch irrationale Bewegungen in dem Jugendlichen stattfinden, und diese in viel stärkerem Maße. Hier zeigt sich wieder mit aller Deutlichkeit, daß die Religion kein rational begründbares Gebiet ist, und das wird bei der Behandlung der Bibel mit Jugendlichen allzu wenig bedacht. II. Für die Beschäftigung der Jugend mit der Bibel stehen drei Möglichkeiten zur Verfügung: Volkshochschulkurse, also Kurse geleitet von Erwachsenen (Lehrern, Rabbinern oder sonst wissenschaftlich Vorgebildeten) für alle; Kurse geleitet von Erwachsenen für Jugendliche speziell, Kurse von Jugendlichen für Jugendliche. Für Jugendliche sind die beiden letzten Möglichkeiten zu empfehlen, weil in ihnen den Eigenarten ihrer Entwicklung am meisten Rechnung getragen werden kann, d. h. also: es gibt eine besondere Methode, die Bibel mit Jugendlichen zu behandeln. Das ist bisher viel zu wenig bedacht worden: in dem Moment, in dem das Denkvermögen voll entwickelt ist, sind darum noch lange nicht alle Auffassungsweisen entwickelt. Bisher gingen wir so vor, daß wir sämtliche Stoffe, und eben auch die der Bibel, rational behandelten, wie die der Bibel, rational behandelten wie die Sprach- und Naturwissenschaften. Was in dem Jugendlichen „verschlossen" liegt — und eben die Verschlossenheit ist eines der Charakteristiken der Pubertät —, das wurde nicht bedacht. Diese Eigenart kann die Volkshochschule bei der Zusammensetzung ihrer Hörer aus Erwachsenen und Jugendlichen nicht berücksichtigen. Es bleiben also die Kurse speziell für Jugendliche unter Leitung von wissenschaftlich Ausgebildeten oder von den Führern der Jugend selbst. Auch für sie gilt natürlich das eben Gesagte. Für den wissenschaftlich Vorgebildeten besteht darüber hinaus die Gefahr, daß er von seiner „hohen Warte" nicht wieder herunter kann, oder aber er hat infolge des Altersunterschiedes zwischen sich und dem Jugendlichen und der dadurch bedingten Gereiftheit Schwierigkeiten, den der Jugend angemessenen Ton zu finden. Immerhin ist zuzugeben, daß diese Gründe verhältnismäßig wenig in Erscheinung treten dürften, da ein solcher, rein auf Erwachsenenbildung eingestellter Mensch, kaum Kurse für die Jugend abhalten wird. — Sehr schwierig dagegen liegen die Verhältnisse beim Jugendführer. Was er erreichen kann, ist, das Jnteresse der Jugendlichen für die Bibel zu wecken; auch Kenntnisse wird er vermitteln können, wenngleich er infolge seiner mangelhaften Vorbildung leicht in die Gefahr des Dilettantismus gelangen kann. Schwerwiegender ist jedoch, daß er, der dieser Zeit des Lebens noch näher steht, sie also mit all ihren Unruhen noch nicht ganz vergessen hat, das Ringen der Ju- 185

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