Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Soll die jüdische Jugend Bibellektüre treiben?
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 184 (sequence 2)
- Language
- German
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Hans Löwenberg Alter der Pubertät. Wir werden für unsern Zweck die Altersgrenzen allerdings etwas verengern dürfen, da die Hauptzeit der Pubertät zwischen i4 und 18 Jahren liegt. Die Zeit von 12 bis i4 Jahren ist wesentlich durch die physiologische Entwicklung in Anspruch genommen, während vom 18. Jahre ab die Entwicklung bereits im Abklingen begriffen ist. (Auf die Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen braucht, weil für unsere Erörterung unerheblich, nicht eingegangen zu werden. — Näheres darüber bei Charlotte Bühler: „Das Seelenleben des Jugendlichen", U- Aufl., Jena 1927 und Eduard Spranger: „Jugendpsychologie", 10. Aufl., Leipzig 1928. — Kennzeichnend für diese Zeit des Lebens ist das Suchen. Jedes Suchen bedingt Unsicherheit, da ein fester Standpunkt noch nicht gefunden ist. Diese Unsicherheit wird beim Jugendlichen verdeckt durch seine große Verschlossenheit, und es ist deshalb auch sehr schwer, seine Handlungen richtig zu deuten. — Im Zusammenhang mit dem Suchen steht andererseits der Wille zur Wahrheit, eine unbedingte Ehrlichkeit. Dem steht die Unmöglichkeit, die Wahrheit zu finden, gegenüber. Dazu ermangelt dem Jugendlichen neben anderem die praktische Erfahrung. So kann es vorkommen, daß der junge Mensch ganz anders handelt als er denkt. Zu welchen „Inkonsequenzen" das führen kann, wird weiter unten an einem Beispiel gezeigt werden. Es muß aber schon jetzt bemerkt werden, daß der Begriff der Inkonsequenz hier gar nicht anwendbar ist Nur der Erwachsene mit seinem festen Standpunkt kann inkonsequent handeln. Der Jugendliche handelt entwicklungsgemäß folgerichtig, da sein Standpunkt noch nicht fest ist, seine Handlungsweise also von keiner Konsequenz bedingt sein kann. Wir behaupteten oben die unbedingte Ehrlichkeit des Jugendlichen. Sie verlangt von ihm, Stellung zu nehmen und in streng logischem Denken jede auftretende Frage seiner Überzeugung gemäß zu lösen. Wir finden deshalb, daß der Jugendliche seine Meinung mit aller Sicherheit behauptet und beweist. Es kann aber vorkommen, daß derselbe Jugendliche einige Wochen später einen ganz andern Standpunkt in derselben Frage mit genau derselben Sicherheit vertritt und folgerichtig ableitet. Daß das für religiöse Probleme mit besonderen Schwierigkeiten verbunden ist, wird noch zur Sprache kommen. (Nebenbei bemerkt ist diese „Schein"-Sicherheit zur Verdeckung der tatsächlichen Unsicherheit notwendig.) Wie die Überzeugung ist auch das Interesse der Gesamtentwicklung unterworfen. Das ist für unsern Gegenstand insofern besonders wichtig, als erzwungenes Interesse nicht anhält und die Ablehnung des so behandelten Gegenstandes herbeiführt. Diese dann vorhandene Abneigung bleibt meistens, wenn sie in der Pubertät verursacht wurde, über sie hinaus erhalten. Wir führen jetzt ein Beispiel, an: Ein gesetzestreues Kind entwickelt sich in der Pubertätszeit zu einem „quasi" Atheisten (das „quasi" mag anzeigen, daß solche festen Begriffe, die für den Erwachsenen gelten, auf den Jugendlichen gar nicht anwendbar sind) und gelangt dann zu einem gemäßigten Liberalismus. Gekennzeichnet wird die Lage durch die Tatsache, daß dieser Mensch in der Zeit seines „quasi"-Atheismus eifrig zur Syna- 184