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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 177

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Die Kunst im Judentum und das 2. mosaische Gebot
Date
1928-06-01
Page
177 (sequence 4)
Language
German
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Die Kunst im Judentum und das 2. mosaische Gebot figurales: eine Abundantia, einen Jüngling, dem Viktoria den Kranz darreicht usw. Diese Grabkammern bezeichnet Müller als jene der „Progressisten", der Gemeinde der Herodianer angehörend, was ja an sich schon ein Programm bedeuten mochte. (Im Gegensatz zu dieser zeigen die Katakomben der „Hebräer- Gemeinde" nur wenig figuralen Schmuck). Italienischem Einfluß in der kunstfreudigen Renaissancezeit ist der Mosesbrunnen in Siena zuzuschreiben, der das Mißfallen Posener Juden erregte (1-40), denen aber entgegnet wird, diese Mosesstatue stehe schon recht lange, ohne seitens frommer Rabbiner beanstandet worden zu sein. Ebenso mochte es sich mit dem Figurenbrunnen im Vorhof der Synagoge in Palermo verhalten haben, von dem Ende des i5. Jahrhunderts berichtet wird. Und als i546 Sabatai Elchanan in Bologna starb, errichtete man ihm ein Grabmal, das eine vollplastisch dargestellte Frauengestalt aufweist — Aber auch in Deutschland konnte sich das mittelalterliche Judentum diesen äußeren Kunsteinflüssen nicht entziehen. Da sehen wir Malereien in den Glasfenstern der ehemaligen Synagoge zu Köln, kennen zahlreiche, prächtig illuminierte Gebetbücher und Ritualschriften mit deutlichem Einschlag zeitgenössischer Figurenmalerei. Noch 1715, beim Neubau der Synagoge im schwäbischen Städtchen Monheim — sie dient jetzt als Rathaus — verwandte man plastischen Deckenschmuck, Isaaks Opferung, Kain und Abel u. a. darstellend. Und wie eine Ironie mag es erscheinen, daß zur selben Zeit, als Gurlitt seine vorwurfsvolle Hypothese aufstellte, in einer Synagoge der frömmsten Juden Krakaus nicht weniger als zehn Ölgemälde angebracht wurden, durchweg figurenreiche biblische Szenen darstellend. Das Äußerste aber, was auf dem Gebiete menschüchfiguraler Dekoration geboten ist, weist der Friedhof in Oudekerke bei Amsterdam auf. Hier sehen wir auf den Grabsteinen der berühmten Familien der Mendes, Teixera, Henriquez u. a. Darstellungen biblischen Inhaltes, die skrupellos menschliche Figuren in Halbrelief aufweisen, zumeist Darstellungen aus dem Leben der „Namenspatrone" der Verstorbenen, des Abraham, Isaak, Jaacob und David- Wenn schließlich hierbei auf dem Grabstein des 1717 verstorbenen Samuel Teixera die Szene dargestellt ist, in der dem Propheten Samuel der HERR im Tempel erscheint, so sehen wir in dieser der zeitgenössischen christlichen Kunst entlehnten Darstellung von GOTTVATER (!) wohl das Äußerste, was die jüdische Kunst je an „Ketzerei" geleistet. 177

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