Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Die Kunst im Judentum und das 2. mosaische Gebot
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 176 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895478-2898803--02767-2898913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Alfred Grotte wendet, besonders bei Kultgegenständen, ja sogar solchen, die zum Schmuck der Thorarollen bestimmt waren. Durch einen Zufall war es dem Verfasser beschieden, diese Lücke von 600 Jahren wissenschaftlich teilweise auszufüllen- Im Jahre 1912 zum Bau einer Synagoge in Westböhmen berufen, fand er hier einen eigenartigen Synagogentypus des 18. Jahrhunderts, der ihn zu immer weiteren Forschungen anregte und bis tief nach Polen führte, bis es ihm gelang, den in gotischer Zeit jäh abgerissenen Faden zu erfassen und an 37 bis dahin in der Literatur völlig unbekannten Synagogen fortzuführen.1) Diese Arbeit wurde 1914 abgeschlossen; aber immer neu zuströmendes Material hat die Forschungsfreudigkeit wach erhalten und eine Fülle von Beweisen für die Unrichtigkeit der Gurlittschen Thesen erbracht Nachstehend sei versucht, die Einstellung des ältesten und alten Judentums zur Kunst an einigen historischen und wissenschaftlich ein wandsfrei festgestellten Beispielen deutlich zu machen. Wie schon erwähnt, sehen wir die Darstellung von Cherubim bereits im alten Nationalheiligtum Ägyptischem Einfluß unterlag selbst der bekannte Schmuck der heiligen Lade — er war zweifellos, sogar an diesem heiligsten Kultobjekt, menschlich figurai! (Vergl. auch die bezüglichen Studien Greßmanns.) — Noch schwieriger mochte den Juden das Ankämpfen gegen die allgewaltige hellenistische Kultur gefallen sein, jener Macht, die — man denke an die von Clermont-Ganneau gefundene Warnungstafel aus dem alten Tempel — sogar die hebräische Sprache fast verdrängt hatte und bis auf wenige Beispiele auch die Inschrifttexte der jüdischen Katakomben beherrscht Darf man sich angesichts dieser fast schrankenlosen Hingabe an hellenistische Kultur wundern, wenn nun auch hellenistische Kunst mit ihrem Reichtum an figuraler Dekoration ihren zwingenden Einfluß ausübt? Nur so sind die menschlich figuralen Friese an den galiläischen Synagogen zu erklären. Ebenso die figuralen Darstellungen in einer jüdischen Katakombe zu Rom, in der Nikolaus Müller auf dem Deckel eines Marmorsarkophages das Reliefporträt eines Kindes feststellte. Hier fand man auch die Marmorbüste einer römischen Jüdin. Zwei Grabkammern in den Katakomben der vigna Randanini zeigen reiche Ausmalung. Da sehen wir allerlei Getier, Pfauen, Tauben, Fische, Widder, Pferde, Personifikationen der Jahreszeiten; aber auch menschlichx) Svnagogentvpen vom XI. bis XIX. Jahrh. (Dissert.-Schrift Danzig). Berlin 1915, Zirkel-Verlag. 176