Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Die Kunst im Judentum und das 2. mosaische Gebot
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 175 (sequence 2)
- Language
- German
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Alfred Grotte: Die Kunst im Judentum und das 2. mosaische Gebot Was bis dahin über den Sakralbau der Jaden geschrieben worden war, hatte keinerlei literarischen Wert oder war — es sei nur auf die ausgezeichneten Studien David Kaufmanns, Güdemanns usw. verwiesen — kaum über jüdische Kreise hinausgedrungen. Gurlitt war der erste, der ein wissenschaftliches Werk über den Synagogenbau schrieb, z. T. auf den Vorarbeiten Heinrich Fraubergers1) fußend und dessen verstreutes Material in ein System ordnete. Er bearbeitete die Materie in einer Unterabteilung seines Bandes „Kirchen" des großen deutschen Handbuches der Architektur. Und hier, auf S. i38 und i45, fällt Gurlitt das nachstehende Werturteil über jüdische Kunst: „Es gibt keine Macht der Welt, die der Kunst gegenüber folgerichtiger, aber auch feindlicher aufgetreten wäre als eben die Synagoge. Bei ihr ist die Kunstfeindlichkeit nicht Askese, sondern ein aus der Tiefe nationalen Wesens entsprossener, aus kirchlicher Lehre hervordringender Abscheu der seit zweieinhalb Jahrtausenden auf dem ganzen Volke lastet — Wer im mosaischen Sinne fromm ist, der hat die Kunst zu hassen.."2) „Die kunstfeindliche Stellung des Judentums innerhalb der christlichen Völker wird kaum durch irgend eine Erscheinung besser gekennzeichnet als durch dieses von den Juden selbst selten mit voller Offenheit ausgesprochene Fernhalten der Kunst von Stätten, die ihnen die heiligsten und ernstesten sind." Aber dieses geradezu vernichtende Werturteil ist nicht der einzige Fehler, der Gurlitt in seiner sonst verdienstvollen Arbeit unterlaufen ist Er beschließt die Reihe der älteren Synagogenbauten mit jenen der gotischen Epoche, um sodann mit dem Einsetzen des jüdischen Sakralbaues im 19. Jahrhundert fortzufahren. So überspringt er kühn fast 600 Jahre baulicher und. kunstgewerblicher Betätigung der Juden, nicht ahnend, daß gerade in dieser ihm unbekannt gebliebenen Epoche im östlichen Europa ein jüdischer Kunstfrühimg einsetzte, der, kaum entfaltet und auf Kleinkunst und Malerei beschränkt, durch die Ungunst der Verhältnisse zum Absterben verurteilt ist. Dennoch können wir die Spuren dieser eigenartigen Kunst noch im 17. und 18. Jahrhundert verfolgen — auf deutschem, bayrischem Boden.3) Und gerade diese ostjüdische Kunst ist es, die den Leitsatz Gurlitts völlig widerlegt! Hier, unter den Augen frömmster Hüter der Glaubensideen, zeigt sich eine geradezu unfaßbare Freudigkeit in der Darstellung tierischer Figuren; hier ist es auch, wo man skrupellos menschlichfigurale Motive an- *) Mitteilungen der Ges. z. Erforschung jüd. Kunstdenkmäler, Frankfurt a. M., Bd. I—VI. 2) Vergl. d. Verf. Aufsatz in „Monatshefte für Kunstwissenschaft", Nr. 5, 1918. 3) Von mir gesperrt. 175