Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Die Kunst im Judentum und das 2. mosaische Gebot
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 174 (sequence 1)
- Language
- German
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Die Kunst im Judentum und das 2. mosaische Gebot1) Von Alfred Grotte Die kategorische Forderungdes Gebotes: „Du sollst dir kein Bildnis machen..." hat in kunstgeschichtlich interessierten Kreisen eine Art Aberglauben über die Stellung des Judentums zur bildenden Kunst verbreitet Zwar hatten die biblischen Berichte über die Ausstattung einzelner Kultgeräte des Tempels dartun müssen, daß man dieses asketische Gebot schon nach wenigen Jahrhunderten zu mildern bestrebt und daß der zwingende Einfluß künstlerisch hochstehender Nachbarvölker nicht zu umgehen war. Allein es fehlten die Überreste aus dieser Vorzeit vollständig, und nichts war von diesen Kunstäußerungen übrig geblieben als das geschriebene Wort Man sprach und schrieb nicht über eine Kunst, die ja gesetzlich verboten war. Und da auch der Islam, der sich das zweite mosaische Gebot zu eigen gemacht hatte, in seinen zahlreichen, uns überkommenen Kunstwerken peinlich die Darstellung tierischer und menschlicher Figuren vermieden hat, so lag der Schluß nahe, daß das Volk der Offenbarung erst recht kunstfeindlich sein und bleiben müsse. So darf es nicht weiter wundem, wenn um unsere Jahrhundertwende ein Ausspruch entstand, der wohl das Vernichtendste darstellt, was jemals über die Kunst eines Volkes geschrieben wurde. Doppelt bedeutsam aber darum, da diese Ansicht von einem Manne ausgeht, der als erste Autorität auf dem Gebiete der Kunstwissenschaft angesehen werden kann: Cornelius Gurlitt 1) Aus einem Vortrage des Verf. in der kathol., histor. und Kunstsektion der „Schles. Ges. f. vaterländische Kultur" zu Breslau. 174