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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 172

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung
Date
1928-06-01
Page
172 (sequence 6)
Language
German
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Hans Heinrich dem die Ereignisse die Hoffnung auf die Erfüllung eines großen Menschheitstraumes, die ihrerseits auf einer rational gerichteten Geschichtsauffassung beruhte, vor der Hand vernichteten. Nun erhebt sich die praktische Frage nach der Möglichkeit, ob das geschichtliche Geschehen, dessen Verlauf in einem geistesgeschichtlich bemerkenswerten Wechselspiel einmal rational, dann wieder irrational in dem geschilderten Sinne gedeutet wurde, im Hinblick auf eine allgemein anerkannte ethische Norm auch wirksam beeinflußt werden könnte, am einen sittlich höheren und sozial besseren Zustand der Kulturmenschheit, wenn auch nur in langsam aufeinanderfolgenden Entwicklungsstufen, herbeizuführen. Schon das 18. Jahrhundert — namentlich handelt es sich hier um die bedeutsamen Versuche Immanuel Kants — hatte sich, seinem vom Humanitätsideal getragenen Weltgefühl entsprechend, in eindringender Weise mit der Lösung des großen Kulturproblems eines dauernden Friedenszustandes beschäftigt Das 19. Jahrhundert dagegen, das seiner geschichtlichen Eigenart entsprechend das Recht der nationalen Sonderexistenz betonen mußte, erhob die naturwissenschaftliche Lehre Darwins vom Kampfe ums Dasein zum maßgebenden, das. Völkerleben beherrschenden politischen Grunddogma und bekannte sich damit, mehr oder weniger bewußt, zu der unumschränkten Wirksamkeit eines anarchischen Prinzips in der Weltgeschichte. Damit verbanden sich in durchaus psychologischer Folgerichtigkeit jene ästhetisierenden Rassentheorien, genauer gesagt, Rassenideologien von Gobineau und Chamberlain, wonach die stärkere „Herrscher"- oder „Edelrasse" kraft eigenen Lebensrechts dazu berufen sei, über die minderwertige „Folgerasse" unumschränkt zu herrschen. Doch die Erwartung, die das einzelne Volk an die bloße Verfolgung des nationalen Machtprinzips knüpft, muß im letzten Ende zu unfruchtbarem Fatalismus dem Geschichtsverlauf gegenüber führen, weil ideenloser Machtgewinn nur um der Macht willen durch die automatische Auslösung starker feindseliger Gegenkräfte das Schicksal eines einzelnen Volkes immer wieder dem launenhaften, jeder Beeinflussungsmöglichkeit entzogenen Wechselspiel der autokratischen Wirksamkeit der Gewalt ausliefert Es ist eigentlich ein seltsames, tragikomisches Schauspiel, daß sich Menschen, die in aller Ernsthaftigkeit den Anspruch erheben, als Kulturmenschen zu gelten, sich in einer ihnen selbstverständlich erscheinenden fatalistischen Resignation dem Walten eines barbarischen Weltgesetzes unterwerfen, das in seiner periodischen Auswirkung jede Kultur vernichten muß. 172

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