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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 171

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung
Date
1928-06-01
Page
171 (sequence 5)
Language
German
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Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung emporsteigender Schichten nicht nur Eindringlinge in ihre bisher bevorzugte Klassen- und Kastenstellung, sondern verachtenswerte Sendlinge einer minderwertigen, bisher mit Recht niedergedrückten Rasse, des Judentums, das mit einem durch raffinierte Geschäftsmanöver zusammengerafften Reichtum, namentlich aber mit gefährlichen, vaterlandsfeindlichen Ideen, das wahre, echte Deutschtum, als dessen Träger sie sich vorzugsweise fühlen, unterjochen und vernichten will Es ist sehr charakteristisch, daß der Haß gegen das Judentum nicht die einzelnen Handlungen, sondern das unabänderliche seelische Sein, die Rasseneigenart, zum Gegenstand hat Denn die an sich tief bedauernswerten Deklassierten fühlen mit instinktiver Sicherheit die unvermeidliche Notwendigkeit, mit der sich ihr Schicksal vollzieht Hier ist der Rassenhaß die besondere Form der mystisch-romantisch gefärbten Klassen- und Kastenideologie einer gesellschaftlichen Schicht, die in der sozialen Tragödie, die wir jetzt durchleben, mit Verzweiflung ihren Todeskampf kämpft Diese Schicht bildet den aktivistischen Vortrupp in der völkisch-antisemitischen Gesamtbewegung. Die aus anderen, durch das tragische Proletarisierungsschicksal weniger betroffenen sozialen Gruppen stammenden Gefolgsleute stellen indessen die Mitläufer dar, die aus sittlicher Unfreiheit oder aus intellektueller Unfähigkeit, die ökonomischen, sozialen und politischen Zusammenhänge zu durchdringen, weder den moralischen Mut noch das intellektuelle Selbstbewußtsein aufbringen können, diesem Treiben kraftvoll entgegenzutreten. Denn es ist unzweifelhaft* daß in der Gegenwart unter dem Einfluß des Poincarismus die auf einen nationalistischen Faszistenterror hinzielende Rewegung in politisch urteilslosen und indifferenten Kreisen immer noch einen gewissen Kredit genießt, während der Humanitätsgedanke im Sinne Lessings, Kants und Fichtes in seiner Bedeutung für die Regelung politischer Beziehungen M©n Gruppe zu Gruppe im innerstaatlichen Leben und von Nation zu Nation im zwischenstaatlichen Leben wesentlich an sittlich gebietender Autorität eingebüßt hat Die vorstehenden Betrachtungen beschäftigten sich mit der geschichtsphilosophischen und sozialpsychologischen Deutung der Begriffe „Volkstum" und „Rasse" in ihrem inneren Zusammenhang mit der Erscheinung des Antisemitismus. Es ergab sich das Resultat, daß diese beiden das historisch-soziale Denken beherrschenden Begriffe geschichtsphilosophische Kategorien sind, die für die Auffassung des im politischen Leben sich vollziehenden Geschichtsverlaufs in einer Periode sich als maßgebend erweisen, in der die Bewertung .des Irrationalen als besonders charakteristisch in den Vordergrund tritt, nach- 12 171

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