Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 173 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung Wenn es sich jedoch im 18. Jahrhundert um einen kühnen Menschheilstraum handelte, der im Reiche der Gedanken hoch über den hart im Räume sich stoßenden ökonomischen und politischen Tatsachen schwebte, so gewinnt die Idee der Völkerversöhnung und der zwischenstaatlichen Rechtsorganisation im Zeitalter der Weltwirtschaft eine ganz andere Bedeutung, insofern als große praklischwirtschaftliche Notwendigkeiten die Realisierung des sittlichen Wertes, der in dieser Idee liegt, im Rahmen der Weltpolitik nicht nur ermöglichen, sondern geradezu gebieterisch fordern. (Eine fundamentale Voraussetzung für ein Bemühen in dieser Richtung allerdings besteht darin, daß man in fremder Volksart mit einer anderen Sprache, Sitte, Geschichte und Kultur nicht nur deswegen lediglich eine Quelle unbedingt feindlichen Denkens, Fühlens und Wollens sieht, weil es sich eben um eine fremde Volksart handelt) Wenn, in diesem Zusammenhang betrachtet, die Bekämpfung des Antisemitismus als eine sittliche. Forderung betrachtet wird, so geschieht dies aus dem Grunde, weil der Antisemitismus die typische Form derjenigen Auffassung ist, daß der Mensch, der anderer Abkunft ist, deshalb allein schon, ohne Rücksicht auf ganz bestimmte, dahingehende Handlungen, als Träger feindseliger Absichten bekämpft werden müsse. Ferner führt die Vorherrschaft des Antisemitismus in der öffentlichen Meinung dazu, gewissermaßen in unbewußter Ausstrahlung alle diejenigen Bestrebungen zu fördern, die den Völkerhaß auf ihre Fahne geschrieben haben. Damit die Menschheit nicht nur ängstlich willenlose Dulderin und unsicher nach Rätseln tastende Deuterin der sie beherrschenden geschichtlichen Mächte bleibe, sondern sittliche Gestalterin des eigenen historischen Schicksals in Zukunft werde, muß auch in uns wieder der Geist Lessings lebendig werden, der aus den großherzigen, hoch über den Niederungen nationalegoistischer Seelenverkümmerung schwebenden Worten des Sultans Saladin spricht, die dieser an den Tempelherrn richtet. (IV, 4.) Bliebst du wohl bei mir? Um mich! — Als Christ, als Muselman: gleichviel! Im weißen Mantel oder Jamerlonk, Im Turban oder deinem Filze: wie du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt, daß allen Menschen eine Rinde wachse. 12* 173