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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 170

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung
Date
1928-06-01
Page
170 (sequence 4)
Language
German
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Hans Heinrich Rasse" in seiner organischen Eigenart irgendwie gestört wird. Hier liegt der Punkt, wo Geschichtsauffassung in Rassenmystik übergeht Die oben gekennzeichnete Anschauung über das „Volkstum" ist die geschichtstheoretische Voraussetzung für den Antisemitismus. Auch in der Beurteilung des Judentums ist diese charakteristische Tendenz unverkennbar wirksam, ein mystisches, mit geheimnisvoll dämonischen Kräften ausgestattetes Einheitsgebilde, die „Rasse", als Quelle historischer Neuschöpfungen hinzustellen, unter souveräner Nichtberücksichtigung der starken weltanschaulichen Unterschiede, die die nationale Zugehörigkeit, die Parteistellung und namentlich der Grad und die Art der Assimilation geschaffen haben. Doch der Kulturantisemitismus, wie ich ihn hier kurz zu kennzeichnen versucht habe, hat noch eine andere, vielleicht stärkere WurzeL Quillt das „metaphysische Bedürfnis" auf dem Gebiet des geschichtlich-sozialen Denkens aus dem Gefühl, so ist die besondere Anwendung dieses Erklärungsprinzips» wie sie in dem völkisch-antisemitischen Anschauungskreis in alles beherrschender Weise hervortritt, ein Ausfluß des Willens. Und zwar handelt es sich um die durch den Inflationsprozeß proletarisierten und durch die unverschuldete Not weltanschaulich und vielfach auch moralisch entwurzelten Mittelschichten, deren Mitglieder in der Monarchie zu einem großen Teile eine beruflich und gesellschaftlich angesehene Stellung innegehabt hatten, während sich auf der anderen Seite durch Herausbildung monopolistischer Herrschaftsverhältnisse auf dem Gebiet der Wirtschaft ein ungeheurer Reichtum in verhältnismäßig wenigen Händen angesammelt hat Karl Marx urteilt über diese Frage in folgender Weisex): „In der Betrachtung solcher Umwälzungen muß man stets unterscheiden zwischen den materiellen, naturwissenschaftlich treu zu konstatierenden Umwälzungen in den ökonomischen Produktionsbedingungen und den juristischen, politischen, religiösen, künstlerischen oder philosophischen, kurz ideologischen Formen, worin sich die Menschen dieses Konflikts bewußt werden und ihn ausfechten." Der Rassenantisemitismus ist die „ideologische" Form, in der diese Kreise den sozialen Umschichtungsprozeß auffassen, dessen Opfer sie geworden sind. Im Bewußtsein des Wertes ihrer Leistungen sehen sie in den Vertretern sozial x) Karl Marx, Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie. Herausg. von Karl Kautsky 1924. J. H. W. Dietz Nachfolger, Berlin. Vorwort S. LV—LVI. — Vergl. dazu meine Abhandlung in der „Gesellschaft", herausg. von Rudolf Hilferding. Nr. 12, II. Jahrg. Berlin, Dez. 1925. Personalität und Gesetzlichkeit in der Geschichtsbetrachtung. S. 5^7, Anm. 3o. t70

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