Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 169 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung Welche Folgerung ist daraus zu ziehen? Die Vorstellung von einem einheitlichen Volkstum in der heutigen Periode gärender Ideenanarchie, in der Altüberliefertes unrettbar abstirbt, Neues mit unhemmbarer Lebenskraft zum Licht emporkeimt, ist geboren aus der Sehnsucht nach dem nur irrational Erfaßbaren, aus dem Gefühl des Unbefriedigtseins von der durch den Kapitalismus mechanisierten, Gemütswerten den notwendigen Lebensraum versagenden Welt Diese geschichtlich-soziale Welt ist es, die der Marxismus, wenn er eben als Gesellschaftstheorie richtig verstanden wird, mit rationalen Methoden in ihrer sozialen Struktur und ihren Bewegungsgesetzen zu durchdringen trachtet Daher die einer scharfen begrifflichen Umreißung widerstrebende Zerflossenheit dieses Grunddogmas des völkischen Evangeliums, die Verschiedenheit und Unklarheit der Meinungen über Grundfragen auch im eigenen Lager, so daß der allein, maßgebende Richter eben nur das individuelle Gefühl bleibt Wilhelm Stapel behauptet1), daß ein gebürtiger Jude Goethes „Faust" anders empfindet als ein reinblütiger Deutscher aus seinem „Volkstum" heraus. Ich glaube indessen, daß die Empfindung eines gebildeten Juden, dessen Vorfahren in Deutschland bereits auf einer kulturellen Höhe standen, der Empfindung, die Goethes Seele durchweht und durchstürmt haben mag, näherkommein dürfte, als die Empfindung, die dieses Gedicht beispielsweise bei einem ostpreußischen Landarbeiter oder einem großstädtischen Rennreiter auslösen würde. Der Begriff des „Volkstums" in „völkischem" Sinne löscht mit souveräner Handbewegung die soziale und kulturelle Milieubedingtheit der hier in Betracht kommenden seelischen Reaktionen einfach aus. Damit kommen wir zum Kernpunkt der ganzen Frage. Die aus den emotionalen Tiefen des Seelenlebens sich ergebende starke Bewertung des Irrationalen konstruiert sich unbewußt ein wissenschaftliches Erklärungsprinzip in der Vorstellung eines einheitlichen „Volkstums", einer einheitlichen „Rasse", weil rationale und positivistische Erkenntnismethoden das metaphysische Bedürfnis auf dem Gebiet des geschichtlich-sozialen Denkens nicht zu befriedigen vermögen. Volk als Träger eines ganz bestimmten einheitlichen „Volkstums" oder einer bestimmten einheitlichen „Rasse" ist nach dieser Auffassung die erweiterte Persönlichkeit, die Volkspersönlichkeit Aus ihrer geheimnisvollen Seelentiefe muß nun jede Lebensäußerung abzuleiten sein — wenn eben eigenes „Volkstum" nicht durch die „zersetzende" Einwirkung einer „fremden x) Wilhelm Stapel, „Antisemitismus". Verlag des deutschen Volkstums, Hamburg 36, S-. 27 und 28. 169