Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Geschichtsdeutung und Geschichtsbetrachtung
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 168 (sequence 2)
- Language
- German
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Hans Heinrich rieh tun g dieser historischen Gesellschaftsformation unterworfen ist Die marxistische Auffassung der Gesellschaft führt also folgerichtig zum Gedanken der Völkerversöhnung, da das Leben der einzelnen Kulturvölker trotz ihrer nationalen Sonderexistenz diesem großen Einheitssystem der auf der Warenproduktionsweise beruhenden Gesellschaft eingegliedert ist Da die Menschheitsidee der Völkerversöhnung und des Völkerfriedens sozialistischer Prägung aus der schwelenden Asche, die der furchtbare Brand des Weltkriegs hinterlassen, nicht als ein neues Weltideal hervorging, suchte das politisch-historische Denken andere Wege. Der alten Tradition romantischer Anschauungsweise entsprechend wird nun als Kraftquelle vaterländischer Lebenserneuerung und historischer Neuschöpfungen überhaupt die Gesamtheit jener seelischen, auf deutscher Geschichte und deutscher Kultur beruhenden Imponderabilien, die man nach völkischer Terminologie als „Volkstum" bezeichnet, in den Mittelpunkt dos geschichtlich-politischen Denkens gerückt Wenn man noch zur Zeit der Freiheitskriege vielleicht von einem einigermaßen einheitlichen Kulturbewußtsein sprechen konnte, da es sich damals im wesentlichen um eine agrarische Bevölkerung handelte, die politisch und kulturell von einer kleinen intellektuellen Oberschicht maßgebend beherrscht wurde, so steht jetzt die Annahme eines gemeinsamen Volkstums auf sehr unsicheren Füßen, nachdem auch das deutsche Volk im Laufe eines Jahrhunderts jene Umwandlung seiner sozialen Strukturverhältnisse durchlebt hat, wie sie nun einmal durch die allgemeine Industrialisierung unseres europäischen Kulturkreises bedingt ist Der Stärke der Klassendifferenzierung entspricht aber auch der Grad der geistigen Zerklüftung in Weltanschauungsfragen. So erklärt sich die Leidenschaftlichkeit der Kampfesstimmung, mit der um die Lösung dieser schwebenden Streitfragen auf politischem, sozialem und kulturellem Gebiet gerungen wird. Der Gegenstand der politischen Lehrmeinungen der Völkischen, das Volkstum, kann aber im Hinblick auf die innere und äußere Zerrissenheit des deutschen Volkes nach Bildungsinhalt und -höhe, nach seinen sozialen, wirtschaftlichen und Stammesverschiedenheiten unmöglich eine kulturelle Gesamtatmosphäre darstellen. So zerfließt die Vorstellung eines einheitlichen Volkstums, die vielleicht zur Zeit der idyllischen Postkutsche eine gewisse Berechtigung gehabt haben mag, wenn auch damals unter der vorwaltenden Struktur des Agrarstaates gerade die Verschiedenheit der Stammeseigenart einen starken Differenzierungsfaktor gebildet hat, und wird selbst ihrem Inhalt nach durchaus problematisch. 168